Forscher:innen im Portrait
Şebnem Bahadır-Berzig, Professorin für Translationswissenschaft
Der Mensch im Zentrum
Wie kann man neue Technologien so einsetzen, dass dabei immer der Mensch im Mittelpunkt steht? Kann Forschung offen und gemeinsam mit anderen gestaltet werden? Und was kann Forschung bewirken, damit sich das Leben vieler Menschen wirklich verändert? Die Projekte der Translationswissenschaftlerin Şebnem Bahadır-Berzig geben darauf Antwort.
Im Zentrum der aktuellen Arbeit von Frau Bahadır-Berzig steht das Projekt „Die gute Dolmetscherin von Graz“, ein partizipatives Vorhaben in Kooperation mit dem Fachbereich Sozialpädagogik der Bildungs- und Erziehungswissenschaft, unterstützt von der Stadt Graz. Şebnem Bahadır-Berzig hat das Team TransMigra bestehend aus engagierten Forscherinnen aufgebaut, die sowohl kollektiv als auch in individuellen Projekten zu gesellschaftlich relevanten Themen im Umfeld von Translation und Migration forschen. Eines der jüngsten Projekte ist eben „Die gute Dolmetscherin von Graz“. Hier werden durch theaterpädagogische Methoden die Lebens- und Arbeitssituationen von Kommunaldolmetscher:innen erforscht, die häufig unter prekären Bedingungen arbeiten. Besonders im Fokus stehen dabei die persönlichen Herausforderungen, ethischen Anforderungen und das gesellschaftliche Spannungsfeld, in dem Dolmetscher:innen, selbst oft mit Migrationsgeschichte, agieren. Partizipation und Austausch sind Leitgedanken des Projekts: In Workshops mit Akteur:innen werden Lebensrealitäten reflektiert, Problemlagen herausgearbeitet und Lösungsansätze entwickelt, die der Alltagserfahrung der Teilnehmer:innen entspringen.
Öffentliche Präsentationen der Forschungsergebnisse sind bewusst dialogisch gestaltet und laden das Publikum zur aktiven Mitgestaltung ein. Ziel ist es, gesellschaftlichen Wandel anzustoßen, der direkt beim Menschen ansetzt.
Ebenso eng mit dem Alltag der Gesellschaft ist ein weiteres inter- und transdisziplinäres Projekt zum Thema multilinguale Krisen- und Katastrophenkommunikation verknüpft. Für diese Forschung hat sie als Hauptverantwortliche zusammen mit vier Grazer Kolleg:innen eine Finanzierung in einem Förderprogramm des FWF beantragt, das die intensive Beteiligung von NGOs und gesellschaftlichen Akteur:innen sowie eine starke internationale Vernetzung ermöglicht. Şebnem Bahadır-Berzig und ihre Teamkolleg:innen erforschen, wie Sprachbarrieren in Notlagen überwunden werden und wie mehrsprachige Ressourcen und betroffene Communities aktiv in die Konzeption von Unterstützungsmaßnahmen eingebunden werden können. Besonders soll Sichtbarkeit für benachteiligte und minoritäre Gruppen wie z.B. Gehörlose und Migrant:innen geschaffen werden. Kunstschaffende und Filmemacher:innen bereichern das Projekt, das stark auf Kreativität, Empowerment und gemeinsames Lernen setzt.
Partizipation, Haltung & soziale Verantwortung
Eine verbindende Konstante in allen Projekten von Şebnem Bahadır-Berzig ist der direkte Bezug zu den beteiligten Menschen. Statt Forschung über soll Forschung mit den Menschen stattfinden, um gesellschaftlichen Umbruch und Selbstermächtigung zu fördern. Der Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse zeitnah in die Gesellschaft zu überführen und dadurch direkten gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten, zieht sich durch alle Projekte: Ergebnisse sollen nicht nur wissenschaftlich verarbeitet, sondern gemeinsam mit den Zielgruppen reflektiert und praktisch umgesetzt werden. Dabei ist für Frau Bahadır-Berzig Forschungsarbeit eng mit Haltung verbunden; eine innere Überzeugung, auch kleine Veränderungen zu bewirken und gesellschaftliche Solidarität zu stärken. Dies zeigt sich besonders in der partizipativen Gestaltung ihrer Forschung, in der interdisziplinären Zusammenarbeit und im Bemühen, soziale und ethische Fragen stets mitzudenken.
Menschlichkeit im digitalen Zeitalter
Obwohl Şebnem Bahadır-Berzig die Bedeutung moderner Technologien, KI und digitaler Tools auch für die Translationswissenschaft erkennt (unter anderem leitet sie gerade im Rahmen eines Arqus-Projekts ein Konsortium zur Entwicklung und Implementierung des internationalen Joint MA Programme inTranslation, Technologies and AI), steht für sie stets der Mensch als Akteur:in im Mittelpunkt. Technologien sind für sie Werkzeuge, um menschliche Kompetenzen zu erweitern, aber sie dürfen nie den Menschen als aktives Subjekt verdrängen. Diese Haltung prägt auch ihre Lehre: Wichtig ist ihr, Studierenden Wege zu aufzuzeigen, wie sie sich Wissen effizient aneignen und digitale Tools kritisch nutzen können. Entscheidend aber bleibt die persönliche Haltung, der Mut zu eigenständigem Denken, der Aufruf zum Perspektivenwechsel sowie Reflexion und Empathie als Grundlage sowohl geisteswissenschaftlicher Arbeit als auch gesellschaftlichen Engagements.
Şebnem Bahadır-Berzig ist Professorin für Translationswissenschaft am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft und forscht zu Dolmetschtätigkeiten als gesellschaftliche Praktiken sowie zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeit von Dolmetscher:innen. Sie entwickelt partizipative Ansätze und Methoden für die Translationsdidaktik, die die Autonomie von Studierenden fördern. Ihre Forschung verbindet performative, kritische und interdisziplinäre Perspektiven mit Fragen der Ethik, Politik und Pädagogik der Translation.