Forscher:innen im Portrait
Julia Hoydis, Professur für Englische Literaturwissenschaft vom 18. bis zum 21. Jahrhundert
Literatur und Risiko
Wie erzählen wir Krisen? Welche Rolle spielen Literatur und Geschichten bei der Bewältigung von Zukunftsängsten? Julia Hoydis, Professorin für englische Literaturwissenschaft, verbindet in ihrer Forschung Themen wie die Geschichte des englischen Romans, Erzähltheorie, Postkolonialismus, Ecocriticism und Künstliche Intelligenz. Nach Stationen in London, Köln und Cambridge ist sie heute am Institut für Anglistik tätig.
Hoffnung im Kleinen
Im Zentrum von Julia Hoydis Forschung steht das Konzept des Risikos: Wie werden Unsicherheiten, Krisen und Zukunftsvorstellungen in literarischen Texten verhandelt? Ihre Habilitation (Risk and the English Novel. From Defoe to McEwan) widmete sich der Erzähltheorie des Risikos, beginnend im 18. Jahrhundert mit Robinson Crusoe über Heiratsplots im 19. Jahrhundert bis zu Krisen unserer Zeit. Derzeit arbeitet sie an einem sehr aktuellen Thema: dem Klimawandel. Sie stellt die Frage, wie Literatur den Klimawandel, Resilienz und Anpassung thematisiert – nicht mehr als Zukunftsszenario, sondern als unsere Realität. Dabei interessiert sie besonders, wie Geschichten dabei helfen, mit Angst und Unsicherheit umzugehen und Hoffnung im Kleinen zu finden – etwas, dass sie auch im Austausch mit ihren Student:innen bestätigt findet.
Literatur, KI und Nachhaltigkeit
Ein weiterer Schwerpunkt in Julia Hoydis Forschung ist die Schnittstelle von Literatur und Künstlicher Intelligenz. Sie setzt sich kritisch mit der zunehmenden Digitalisierung und dem Einfluss von KI auf Lesekompetenz, Autorenschaft und Textrezeption auseinander. Es ist ihr ein besonderes Anliegen, Lesefähigkeit und kritisches Reflexionsvermögen von Schüler:innen wie Studierenden zu stärken; gerade in einer Zeit, in der KI-Kompetenzen oft die Beschäftigung mit längeren Texten in den Hintergrund drängen. In ihrer Lehre und Forschung plädiert Frau Hoydis für einen bewussten Umgang mit digitalen Tools und thematisiert auch die ökologischen Auswirkungen von KI, die in diesem Zusammenhang oft vernachlässigt werden.
Zukunftsgeschichten
Gemeinsam mit einem Kollegen der Uni Köln arbeitet Julia Hoydis derzeit an einem Buchprojekt zum Thema „Storylearning: Narrative Future Making in the Public Environmental Humanities“. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Lernen durch Geschichten funktioniert und wie Leseerfahrungen zur Gestaltung von Zukunft beitragen können. Sie betont, dass gerade in einer Zeit, in der digitale Kompetenzen und Künstliche Intelligenz immer stärker in den Vordergrund rücken, die Literaturwissenschaften einen eigenen Zugang zu Wissen und Reflexion bieten. Sie sieht die zunehmende Nutzung von KI kritisch, da sie wichtige Kompetenzen wie das vertiefte Lesen und das Verstehen komplexer Inhalte/Texte bedrohen kann.
Weiters arbeitet Frau Hoydis gemeinsam mit Kolleginnen des Zentrums für Interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung und dem Zentrum für Intermedialität der Universität Graz an einem Projektantrag. Dieses geplante Projekt, „Risk to Care: Temporalities in Ecocriticism and Age Studies“, beschäftigt sie sich mit Krisennarrativen und der Verbindung von Umwelt- und Altersforschung. Das Ziel des Projekts und der EcoAge-Netzwerks ist es, komplexe Zusammenhänge dieser Thematiken sichtbar zu machen und den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft mit dem Blick auf Zukunftsgestaltung angesichts von planetarer und demographischen Krisen zu fördern.
Julia Hoydis ist seit Herbst 2024 Professorin für englische Literaturwissenschaft am Institut für Anglistik in Graz. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen den englischen Roman, Erzähltheorie, Posthumanismus und Ecocriticism. Sie ist Herausgeberin der Zeitschrift Anglistik und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Anglistik (2022 – 2025).