Zsófia Turóczy beschreibt eingangs ein KI-generiertes Bild von Lenin neben dem jungen Tito – zwei Männern, die sich in Wirklichkeit nie begegnet sind.
Sie zeigt damit, wie leicht sich täuschend echte historische Quellen erzeugen lassen – und wie brisant das beispielsweise für Südosteuropa ist, wo Archive fragmentiert oder politisch umkämpft sind.
Gerade in Südosteuropa, wo Geschichte häufig identitätspolitisch instrumentalisiert wird und wenig Expertise vorhanden ist, können solche Bildwelten erhebliche Folgen haben, nämlich bestehende gesellschaftliche Spannungen massiv verstärken.
KI lernt aus Algorithmen - und das kann problematisch sein
KI lernt aus vorhandenen, aber ungleich verteilten Daten. Dadurch drohe eine „algorithmische Peripherisierung“ des historischen Wissens, so Turóczy: Was in den Daten unterrepräsentiert ist, verschwindet auch aus den Antworten der KI.
Die Gefahr besteht aber nicht nur darin, dass bestimmte Themen fehlen. Noch problematischer ist die Art, wie KI Kohärenz erzeugt. Sprachmodelle sind darauf trainiert, plausible Antworten zu generieren. Sie produzieren narrative Geschlossenheit, selbst dort, wo historische Forschung mit Brüchen, Unsicherheiten und Widersprüchen arbeitet.
Bedrohliche KI?
Gleichzeitig wäre es falsch, KI ausschließlich als Bedrohung zu betrachten. Gerade für kleinere Fächer und Regionen kann sie neue Möglichkeiten eröffnen. Forschende ohne große institutionelle Ressourcen erhalten Zugang zu Werkzeugen, die früher finanzstarken Universitäten vorbehalten waren: automatische Transkription, Übersetzung, Mustererkennung in großen Textmengen oder Unterstützung bei sprachlicher Redaktion. Für Wissenschaftler:innen aus Südosteuropa oder für jene, die in „kleinen“ Sprachen publizieren, kann dies eine reale Form der Teilhabe bedeuten.
Veränderungen für das Fach Geschichtswissenschaft
“Die Geschichtswissenschaft wird künftig stärker erklären müssen, wie sie zu ihren Erkenntnissen gelangt”, meint Turóczy. Und: “Vielleicht zwingt uns KI gerade deshalb dazu, uns erneut zu fragen, was historische Erkenntnis eigentlich bedeutet. Nicht die Maschine entscheidet darüber, was Geschichte ist. Entscheidend bleibt, wie wir mit ihr umgehen: kritisch, reflexiv und mit dem Bewusstsein, dass auch digitale Technologien niemals außerhalb von Politik, Macht und Erinnerung existieren.”