Beginn des Seitenbereichs:
Seitenbereiche:

  • Zum Inhalt (Zugriffstaste 1)
  • Zur Positionsanzeige (Zugriffstaste 2)
  • Zur Hauptnavigation (Zugriffstaste 3)
  • Zur Unternavigation (Zugriffstaste 4)
  • Zu den Zusatzinformationen (Zugriffstaste 5)
  • Zu den Seiteneinstellungen (Benutzer/Sprache) (Zugriffstaste 8)
  • Zur Suche (Zugriffstaste 9)

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche

Beginn des Seitenbereichs:
Seiteneinstellungen:

Deutsch de
Suche
Anmelden

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche

Beginn des Seitenbereichs:
Suche:

Suche nach Details rund um die Uni Graz
Schließen

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche


Suchen

Beginn des Seitenbereichs:
Hauptnavigation:

Seitennavigation:

  • Universität

    Universität
    • Die Uni Graz im Portrait
    • Organisation
    • Strategie und Qualität
    • Fakultäten
    • Universitätsbibliothek
    • Jobs
    • Campus
    Lösungen für die Welt von morgen entwickeln – das ist unsere Mission. Unsere Studierenden und unsere Forscher:innen stellen sich den großen Herausforderungen der Gesellschaft und tragen das Wissen hinaus.
  • Forschungsprofil

    Forschungsprofil
    • Unsere Expertise
    • Forschungsfragen
    • Forschungsportal
    • Forschung fördern
    • Forschungstransfer
    • Ethik in der Forschung
    • Kommission für wissenschaftliche Integrität
    Wissenschaftliche Exzellenz und Mut, neue Wege zu gehen. Forschung an der Universität Graz schafft die Grundlagen dafür, die Zukunft lebenswert zu gestalten.
  • Studium

    Studium
    • Studieninteressierte
    • Infos für Studierende
    • Nachanmeldung Rechtswissenschaften & Biologie
  • Community

    Community
    • International
    • Am Standort
    • Forschung und Wirtschaft
    • Absolvent:innen
    Die Universität Graz ist Drehscheibe für internationale Forschung, Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft sowie für Austausch und Kooperation in den Bereichen Studium und Lehre.
Jetzt aktuell
  • Aufnahmeverfahren 2026
  • Uni Vibes - das Fest
  • Jetzt die "Youni"-App holen
  • Klimaneutrale Uni Graz
  • Forscher:innen gefragt
  • Arbeitgeberin Uni Graz
Menüband schließen

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche

Beginn des Seitenbereichs:
Sie befinden sich hier:

Universität Graz Geisteswissenschaftliche Fakultät Über die Fakultät Preise & Preisträger:innen Preisträger:innen 2026 im Gespräch
  • Über die Fakultät
  • Persönlichkeiten
  • Unsere Forschung
  • Studienservice
  • Dekanat
  • Neuigkeiten
  • Veranstaltungen

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche

Beginn des Seitenbereichs:
Unternavigation:

  • Über die Fakultät
  • Persönlichkeiten
  • Unsere Forschung
  • Studienservice
  • Dekanat
  • Neuigkeiten
  • Veranstaltungen

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche

Preisträger:innen 2026

Dijana Simić, 1. Preis Dissertation (ex aequo)

In Ihrer Dissertation analysieren Sie, wie intime Beziehungen in der bosnisch-herzegowinischen Prosa nach 2000 dargestellt werden und wie diese Darstellungen gesellschaftliche Transformationen anstoßen können. Können Sie ein Beispiel aus den von Ihnen untersuchten Romanen nennen, das besonders eindrücklich zeigt, wie Literatur marginalisierte Perspektiven sichtbar macht? 

Weltweit stehen Angehörige der LGBTQIA+-Gemeinschaft (wieder) vermehrt unter Angriff – ob durch symbolische Gesten wie das Verbot von Schulbüchern in Ungarn und den USA, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt thematisieren, oder durch brutale Gewalt wie jene des rechtsextremen Netzwerks in Österreich, dessen Hassverbrechen gegen homosexuelle Männer 2025 aufgedeckt wurden. Derartige Anfeindungen sind ein Ausdruck reaktionärer gesellschaftlicher Tendenzen. Sie gehen mit dem politischen Rechtsruck Hand in Hand und versuchen, zutiefst patriarchale Vorstellungen davon, wie wir zu sein haben, zu verfestigen. Speziell in Bosnien-Herzegowina finden derartige Repatriarchalisierungsprozesse – nach einer progressiven Phase während des 20. Jahrhunderts – seit dem Krieg der 1990er statt. In der bosnisch-herzegowinischen Öffentlichkeit sind Geschlecht, Sexualität und Geschlechterverhältnisse klar definiert. Der binären Geschlechterlogik zufolge gibt es lediglich Männer und Frauen. Diese gehen miteinander heterosexuelle Ehen ein – wünschenswerterweise innerhalb derselben ethnonationalen Gruppe. Jegliche andere Art und Weise, private (Liebes-)Beziehungen zu gestalten, wird diskriminiert, diskreditiert oder ignoriert. Über die eigene Queerness zu sprechen, ohne sich Anfeindungen auszusetzen, ist schier unmöglich.

Portrait Frau Simić ©Sofia Pinaeva
©Sofia Pinaeva

Vor diesem Hintergrund entfaltet Lamija Begagić’ Debütroman U zoni (dt. In der Zone, 2016) eine besondere Wirkungsmacht. Er gilt als erster lesbischer Roman der bosnisch-herzegowinischen Literatur und wird als wichtiger Meilenstein queerer Kunst in Bosnien-Herzegowina von der feministischen und LGBTQIA+-Gemeinschaft vor Ort gefeiert. Darin steht das Leben der 35-jährigen Alma Šestić im Mittelpunkt. Sie muss ihre Karriere als professionelle Tischtennisspielerin wegen einer Verletzung an den Nagel hängen und beschließt, für eine Weile in ihre Geburtsstadt Zenica zurückzukehren, um sich in dieser herausfordernden Lebenssituation zu sammeln. Bei ihrer Mutter angekommen, lässt sie ihr bisheriges Leben in Rückblenden Revue passieren – allem voran die Liebesbeziehungen mit ihrem Jugendschwarm Selma, ihrer ersten Liebe Aida sowie ihrer aktuellen Lebensgefährtin Ivona. Der Roman überzeugt nicht durch einen gefinkelten Aufbau oder innovatives Storytelling, sondern durch die Darstellung des ganz gewöhnlichen Alltags seiner queeren Protagonistin – mit allen Höhen und Tiefen, die zum Leben dazugehören. 

Für das Lesepublikum stellen Alma, ihre Partnerinnen und Freund*innen erfrischende literarische Figuren dar, da sie weder durch den Leidensdruck gekennzeichnet sind, der mit ihrer gesellschaftlich verpönten Sexualität einhergeht, noch stellen sie klischeehafte Nebenfiguren dar. Ganz im Gegenteil: Ihre komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen werden ebenso beschrieben wie ihre unterschiedlichen Lebenswege. Die wohl schönsten (Lese-)Momente sind jene, in denen Alma und ihre Mutter gemeinsam Kaffee trinken und über Almas bewegtes Liebesleben scherzen. Derartige Szenen bekommt man in Bosnien-Herzegowina nicht oft zu Gesicht – weder im Öffentlichen noch im Privaten. In Begagić’ Roman werden sie aber in den Mittelpunkt gerückt. Ihre narrative Zentrierung wirkt normalisierend. Darüber hinaus ermöglicht sie die Familiarisierung der Leser*innen mit dem Geschilderten. Dass es sich bei Alma um eine Ich-Erzählerin handelt, ist hier von besonderer Bedeutung: Als Leser*innen nehmen wir die Geschichte aus ihrer Perspektive wahr und bekommen Einblick in ihre innersten Vorgänge, ihre Ängste und Hoffnungen. Das ermöglicht uns, sie besser zu verstehen und mit ihr mitzufühlen. 

Sie betonen, dass Ihre Arbeit neue Perspektiven, etwa aus den Men’s, Queer und Affect Studies, in die südslawistische Literaturwissenschaft einbringt. Welche Erkenntnisse haben Sie durch diese theoretischen Zugänge gewonnen, die mit traditionellen Ansätzen vielleicht verborgen geblieben wären? 

In der südslawistischen Literaturwissenschaft, jener Disziplin, der meine transdisziplinäre Arbeit primär zuzuordnen ist, werden in den letzten Jahren Geschlechterverhältnisse verstärkt untersucht. Das ist eine äußerst erfreuliche Entwicklung, die nach einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Analyseinstrumentarium der feministischen Literaturwissenschaft sowie der Gender Studies im weiteren Sinne (inkl. Women’s, Men’s und Queer Studies) verlangt. Deren Konzepte ermöglichen es nämlich, gezielter nach der literarischen Darstellung von Geschlecht und Sexualität zu fragen, was in weiterer Folge zu tiefergehenden und facettenreicheren Analysen führt. So machen z. B. die Men’s Studies darauf aufmerksam, dass männliche Erfahrungen – trotz ihrer Generalisierung in unterschiedlichen Bereichen (Medizin, Geschichte, etc.) – ebenso vergeschlechtlicht sind wie weibliche Erfahrungen. Es gilt daher, Männer nicht als unmarkierte Norm zu begreifen, sondern als Geschlechtswesen, die trotz ihrer Privilegierung ebenso dem Druck ausgesetzt sind, der gesellschaftlich vorherrschenden Vorstellung von Männlichkeit zu entsprechen. Um die Erfahrungen unterschiedlicher Männer zu benennen, ist mittlerweile – angeregt durch die Soziologin Raewyn Connell – von Männlichkeiten im Plural die Rede. 

Der namenlose Protagonist in Nenad Veličković’ Roman Otac moje kćeri (dt. Der Vater meiner Tochter, 2000) kann in diesem Zusammenhang als illustratives Beispiel herangezogen werden. Zwei Traumata machen sich bei ihm bemerkbar: jenes des Krieges, den er als Soldat an der Front erlebte, sowie jenes der Transition von Sozialismus zu Kapitalismus, der er als Antikapitalist kritisch gegenübersteht. In seinem Körper manifestieren sich diese traumatischen Erfahrungen symbolträchtig als Schmerzen in den Hoden. Man kommt nicht umhin, dies als eine Verletzung der Männlichkeit des Protagonisten zu begreifen. Hierbei handelt es sich um sog. verletzte Männlichkeit, die es im Zuge der zuvor erwähnten Repatriarchalisierung wiederherzustellen galt. Doch sieht man sich den Umgang des Protagonisten mit seiner Tochter an, so zeigt sich auch Verletzlichkeit: Er macht sich Sorgen um ihr Heranwachsen, denn er möchte nicht, dass sie unter dem Druck der herrschenden Geschlechterrollen leidet. Die Konzepte der verletzten sowie verletzlichen Männlichkeit stammen von der Literaturwissenschaftlerin Tatjana Rosić. Sie ermöglichen es, Veličković’ Protagonisten in seiner Vielschichtigkeit zu fassen und – im gegebenen Fall – die durchaus komplexen Dynamiken der Repatriarchalisierung in Bosnien-Herzegowina aufzudecken.

Sie schreiben, dass Literatur in Krisenzeiten Trost und Hoffnung spenden, aber auch Empathie und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern kann. Welche Rolle kann Literatur Ihrer Meinung nach heute, gerade angesichts aktueller gesellschaftlicher Polarisierung und patriarchaler Backlashs, konkret spielen? 

In meiner Dissertation gehe ich davon aus, dass Literatur einen Beitrag zu gesellschaftlicher Transformation leisten kann: Ganz grundsätzlich kann sie Einfluss auf öffentliche Diskurse nehmen und – im Falle meiner konkreten Fragestellung – darauf einwirken, wie Geschlechterverhältnisse in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Doch wie funktioniert das? Den Begriff der Öffentlichkeit – so, wie wir sie heute verstehen – hat der Soziologe Jürgen Habermas geprägt. Er bezeichnet damit einen diskursiven Raum, in dem Fragen von öffentlichem Belang diskutiert werden und in dem die sog. öffentliche Meinung gebildet wird. Habermas betont, dass sich die Öffentlichkeit historisch im ausgehenden 18. Jahrhundert in Westeuropa entwickelte und aus der literarischen Öffentlichkeit hervorging: Privatpersonen kamen in der zwar intimen, aber dennoch öffentlichen Atmosphäre des Kaffeehauses, Salons oder der Tischgesellschaft zusammen, um (literarische) Texte zu besprechen. 

Habermas’ feministische Kritiker*innen wie Rita Felski und Nancy Fraser haben darauf aufmerksam gemacht, dass derartige Zusammenkünfte hauptsächlich Männern privilegierter Schichten vorbehalten waren. Sie stellten demnach nur eine Form der Öffentlichkeit dar – die hegemoniale, der viele weitere Öffentlichkeiten als Gegenöffentlichkeiten gegenüberstanden. Gegenöffentlichkeiten waren (und sind bis heute) gerade für gesellschaftlich marginalisierte Gruppen von Bedeutung – für Frauen, Angehörige der LGBTQIA+-Gemeinschaft, Migrant*innen sowie andere Minderheiten. Denn Gegenöffentlichkeiten entfalten eine zweifache Wirkung: Nach innen stellen sie Rückzugsorte dar, die dem Erfahrungsaustausch und der gegenseitigen Stärkung dienen; nach außen wirken sie als Sprachrohr, das der breiteren Öffentlichkeit die Lebensrealitäten Marginalisierter näherbringt. 

Bei der Entstehung von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit sowie dazugehöriger Diskurse spielt Literatur, neben anderen Medien, Veranstaltungen und Treffpunkten, auch heute eine wichtige Rolle. Die Romane, Gedichte und Essays, die wir lesen, regen uns dazu an, über die Welt, in der wir leben, nachzudenken und unsere bisherigen Standpunkte gegebenenfalls zu überdenken. Lektüren stimulieren aber nicht nur das Denken, sondern auch das Fühlen. Wir versetzen uns in die dargestellten Figuren hinein, sind von ihrer Trauer ergriffen, von ihrer Freude berührt. Wir fiebern mit unseren liebsten Held*innen mit und ärgern uns über ihre Widersacher*innen. In manchen Protagonist*innen erkennen wir uns und unsere eigenen Erfahrungen wieder, von anderen lernen wir etwas, das uns bisher nicht bekannt war. Dasselbe gilt für die Serien und Filme, die wir schauen, die Musik, die wir hören, sowie die Social Media-Kanäle, denen wir folgen. Im Vergleich zu den anderen hier genannten Medien ist Literatur aber ein langsames Medium: Sie ermöglicht es uns innezuhalten und das Gelesene – ohne desensibilisierende Reizüberflutung – wirken zu lassen; sie vermag es Komplexität und Widersprüche zu fassen sowie uns zum Ausloten zu bewegen. Und das wiederum erschwert Polarisierung.

Nikol Stopic, 1. Preis Dissertation (ex aequo)

Nikol Stopic im Innenhof eines Schlosses ©privat
©privat

Ihre Dissertation hebt die Bedeutung von Pre-Quoting und Post-Quoting als diskursive Strategien in Gerichtsverfahren hervor. Welche Rolle spielt dabei die forensische Linguistik, insbesondere bei der Analyse, wie sprachliche Rahmungen und Zitate die Wahrnehmung von Zeugenaussagen und die Urteilsbildung beeinflussen? Gibt es Beispiele, wie linguistische Methoden helfen können, Manipulationen oder subtile Bedeutungsverschiebungen im Gerichtssaal aufzudecken?

Gerade da kommt die Stärke der forensischen Linguistik hervor: Sie ist so breit gefächert, weil sie Methoden und Perspektiven aus unterschiedlichen Teilbereichen der Linguistik zusammenführt, um Sprache in ihrer ganzen juristischen und gesellschaftlichen Komplexität analysieren zu können. Linguistische Methoden wie die Kritische Diskursanalyse, Transitivitätsanalysen oder korpuslinguistische Frequenzanalysen helfen dabei, genau solche Verschiebungen sichtbar zu machen.

In meinem konkreten Fall setzt die Analyse genau dort an, wo sich die Wahrnehmung derselben Aussage verändert, obwohl ihr eigentlicher propositionaler Inhalt gleich bleibt. Die forensische Linguistik untersucht also, wie mikrosprachliche Entscheidungen ideologische Positionierungen erzeugen und bestimmte Stimmen legitimieren oder delegitimieren. Dadurch werden Autorität und Glaubwürdigkeit unterschiedlich verteilt. Ein besonders spannendes Beispiel ist hier das Konzept des naming. Hier schaut man sich zum Beispiel an, wie zitierte Personen sprachlich bezeichnet werden – also ob jemand mit Namen genannt wird oder über bestimmte Nomen charakterisiert wird. Wenn ich sage, „die Mutter des Angeklagten“ habe gesagt, ihr Sohn wirke in letzter Zeit depressiv, hat diese Aussage einen anderen Effekt, als wenn ich sage, „eine Psychologin“ habe das Gleiche gesagt. Die beiden Quellen werden unterschiedlich hinsichtlich Glaubwürdigkeit und Autorität wahrgenommen. Dabei könnte die Mutter des Angeklagten ja durchaus selbst Psychologin sein – ob die Hörer:innen diese Information bekommen oder nicht, entscheide letztlich ich als Sprecherin. Genau solche (mikro)sprachlichen Entscheidungen untersucht die forensische Linguistik, weil sie bestimmte Stimmen aufwerten oder abschwächen können. 

Ein weiteres spannendes Beispiel sind Präsuppositionen, also Bedeutungen, die in einer Aussage quasi mittransportiert werden. Ein klassisches Beispiel wäre die Frage: „Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen?“ Wenn der Angeklagte darauf einfach mit Ja oder Nein antwortet, wird bereits als gegeben vorausgesetzt, dass er seine Frau geschlagen hat. Die Antwort sagt dann nur noch aus, ob er damit aufgehört hat oder nicht. Solche Präsuppositionen funktionieren besonders effektiv, weil sie oft gar nicht bewusst wahrgenommen werden – sie sind taken-for-granted implications. Gerade im Gerichtssaal können solche impliziten Annahmen sehr wirkungsvoll sein, weil sie Narrative und Wahrnehmungen beeinflussen, ohne explizit ausgesprochen werden zu müssen.

Sie zeigen in Ihrem Essay, dass im Gerichtssaal nicht nur Fakten, sondern vor allem auch sprachliche Rahmungen und Quoting Frames darüber entscheiden, welche Stimmen als glaubwürdig oder autoritativ wahrgenommen werden. Können Sie an einem konkreten Beispiel erläutern, wie ein scheinbar neutrales Zitat durch die Wahl des einleitenden Verbs die Wahrnehmung einer Aussage verändert?

Ein gutes Beispiel wäre etwa der Unterschied zwischen: 

  1. „He said that the manner of death was homicide.“ 

  2. „He assumed that the manner of death was homicide.“

  3. „He determined that the manner of death was homicide.“

In allen Fällen geht es inhaltlich um dieselbe Information, aber die Verben erzeugen unterschiedliche Wirkungen. Said wirkt vergleichsweise neutral – es beschreibt zunächst nur, dass jemand etwas gesagt hat. Das Verb bewertet die Aussage selbst noch nicht besonders stark. Assumed hingegen schwächt die Aussage deutlich ab. Hier entsteht der Eindruck, dass die Person eher eine Vermutung geäußert hat als eine fundierte Einschätzung. Das kann Zweifel an der fachlichen Grundlage oder an der Sicherheit der Aussage erzeugen. Gerade im Gerichtssaal ist das relevant, weil dadurch auch die Glaubwürdigkeit oder Kompetenz der sprechenden Person beeinflusst werden kann. Determined funktioniert genau in die entgegengesetzte Richtung. Dieses Verb vermittelt Autorität, Expertise und wissenschaftliche Sicherheit. Es klingt nach einem professionellen, methodischen Prozess und positioniert die Aussage dadurch als objektiver und belastbarer. Obwohl der propositionale Inhalt – also die eigentliche Kernaussage – identisch bleibt, verändert sich durch das reporting verb die Wahrnehmung der gesamten Aussage.

In Ihrem Essay betonen Sie, wie wichtig es ist, die sprachlichen Mechanismen im Gerichtssaal kritisch zu hinterfragen. Welche Herausforderungen oder Grenzen sehen Sie bei der Analyse von Gerichtsprotokollen und Zeugenaussagen aus linguistischer Perspektive? Und wie kann die forensische Linguistik dazu beitragen, mehr Transparenz und Gerechtigkeit im juristischen Diskurs zu schaffen?

Eine der größten Herausforderungen bei der linguistischen Analyse von Gerichtsprotokollen und Zeugenaussagen ist, dass wir bei Transkripten immer mit einer reduzierten Version gesprochener Sprache arbeiten. Dinge wie Intonation, Lautstärke, Pausen oder Mimik und Gestik gehen dabei häufig verloren, obwohl sie für die Interpretation eigentlich wichtig wären. Natürlich gibt es – abhängig vom Forschungsvorhaben – auch deutlich detailliertere Transkriptionssysteme, aber selbst diese sind selten umfangreich genug, um wirklich alle Aspekte gesprochener Kommunikation vollständig einzufangen.

Dazu kommt, dass Gerichtsdiskurs stark von institutionellen Machtverhältnissen geprägt ist. Ein paar wenige Sprecher:innen entscheiden, welche Fragen gestellt werden, wie Aussagen reformuliert werden und welche Stimmen mehr Autorität bekommen. Genau deshalb ist es wichtig, diese sprachlichen Mechanismen kritisch zu hinterfragen. Die forensische Linguistik kann hier sichtbar machen, wie Glaubwürdigkeit und Autorität sprachlich konstruiert werden und wie bestimmte Narrative im Gerichtssaal entstehen. Methoden wie die Kritische Diskursanalyse oder korpuslinguistische Analysen helfen dabei, solche Muster systematisch offenzulegen und dadurch mehr Transparenz zu schaffen.

Was man dabei auch nicht vergessen darf: Forschung zu Sprache im Gericht hängt immer stark vom jeweiligen Rechtssystem ab. Ich forsche hier vor allem im Bereich des US-amerikanischen Rechtssystems, wo Prozesse häufig öffentlich zugänglich sind und man dadurch sehr gut an Daten wie Videoaufnahmen oder Transkripte kommt. In Österreich haben wir ein ganz anderes System und deutlich eingeschränkteren Zugang zu solchen Daten. Das bedeutet auch, dass sich viele linguistische Fragestellungen oder Methoden nicht einfach eins zu eins übertragen lassen. Forensisch-linguistische Forschung ist also immer auch stark vom rechtlichen und institutionellen Kontext abhängig, in dem sie stattfindet. Gleichzeitig ist genau das aber auch eine Stärke der forensischen Linguistik. Das Feld ist methodisch sehr flexibel, weil es unterschiedlichste linguistische Ansätze verbindet. Dadurch kann man durchaus von Forschung aus anderen Rechtssystemen profitieren und Erkenntnisse vergleichend heranziehen. Wenn überhaupt, erleichtert diese Offenheit sogar Rechtsvergleiche und macht sichtbar, welche sprachlichen Mechanismen systemübergreifend funktionieren und welche stärker vom jeweiligen juristischen Kontext abhängen. 

Kathrin Hirsch, 1. Preis Masterarbeiten (ex aequo)

In Ihrer Abschlussarbeit setzen Sie sich intensiv mit dem Konzept der Atmosphäre in literarischen Texten auseinander. Gab es ein bestimmtes literarisches Werk oder eine spezielles Werk, das Ihr Interesse an der Erforschung von Atmosphären geweckt hat? Und was fasziniert Sie besonders an diesem Thema?

Ja, vor allem die Romane von Elfriede Jelinek haben dahingehend meine Faszination geweckt, weshalb ich in meiner Analyse auch mit ihren Texten gearbeitet habe. Beim Lesen ihrer Werke ist mir diese starke, körperlich spürbare Erfahrung besonders aufgefallen, von manchen werden sie daher beim Lesen auch als unangenehm empfunden. Ich habe diese besondere Wirkung bei vielen Menschen in meinem Umfeld beobachtet, unabhängig davon, ob sie der Autorin zugetan sind oder nicht. In der Jelinek-Forschung werden ihre Texte oftmals auf politische, sprach- und ideologiekritische Komponenten oder auch die Musikalität in ihrer Sprache hin untersucht, was natürlich sehr wichtig ist. Ich konnte darin jedoch keine befriedigende Antwort darauf finden, warum ihre Texte so bedrängend wirken. Bloß an den bedrückenden Inhalten lässt sich diese Wirkung nicht festmachen, denn Themen wie Gewalt, Entfremdung oder Machtstrukturen begegnen uns tagtäglich, ohne auf eine solche Resonanz zu stoßen. 

Selbstportrait Kathrin Hirsch vor einer weißen Steinmauer ©privat
©privat

Daraus entstand die Frage, wie solche Atmosphären mittels Text kreiert werden können. Weil Jelinek so starke Erfahrungsräume erzeugt, eignet sie sich besonders gut, um das Grundphänomen der Atmosphäre zu untersuchen. Besonders fasziniert mich an Atmosphäre ihre Unschärfe. Sie schwebt in einem schwer bestimmbaren Dazwischen und entsteht aus einem Zusammenspiel vieler Komponenten, ist uns allen zugänglich, erscheint uns im Alltag fast selbstverständlich, doch sie genauer zu definieren oder an speziellen Elementen festzumachen, scheint nicht möglich. Sie ist weder bloßes subjektives Gefühl noch eine Eigenschaft des Textes, die man herauslösen könnte, sondern entsteht zwischen Text und Wahrnehmung. Gerade weil Atmosphäre sich schnellen Definitionen entzieht und auch subjektive Bestandteile einschließt, ohne dabei beliebig zu sein, reizt sie mich besonders.

Sie haben eine Methode entwickelt, um zu untersuchen, wie Texte eine bestimmte Stimmung erzeugen. Können Sie in einfachen Worten erklären, wie Sie dabei vorgehen und warum das wichtig ist?

In meiner Arbeit frage ich danach, wie ein Text unsere Wahrnehmung organisiert. Ohne uns dessen ständig bewusst zu sein, gliedern wir die Informationen, die wir beim Lesen erhalten, hinsichtlich der Figuren, die im Fokus stehen; des Hintergrunds, vor dem diese auftreten; der Stimme, die spricht; der Räume, der zeitlichen Angaben und sprachlichen Muster. Diese Einordnungen helfen, uns in einem Text zu orientieren.

Nach meiner Auslegung entsteht Atmosphäre genau dort, wo diese Ordnungen unsicher werden bzw. sich auflösen, wenn etwa Figuren ihre klaren Konturen verlieren, der Hintergrund dominant wird, Gegenstände Handlungsmacht erhalten oder sich verschiedene Sprachregister vermischen. Aus diesem Orientierungsverlust entsteht eine veränderte Wirkung des Textes. Wir lesen nicht bloß, wir betreten einen sprachlichen Raum. Um diese Prozesse sichtbar zu machen, habe ich ein Analyseinstrumentarium entwickelt. Damit lassen sich Figuren, Hintergründe, Grenzverschiebungen, sprachliche Verfahren, Rhythmus und die affektive Reaktion der Lesenden systematisch untersuchen. So wird Atmosphäre von einem vagen Eindruck zu einem literaturwissenschaftlich analysierbaren Phänomen, was nicht nur für die Forschung neue Dimension des Textverständnisses eröffnet, sondern auch für Autor*innen. 

Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser aus Ihrer Arbeit mitnehmen? Gibt es etwas, das Sie besonders überrascht oder beeindruckt hat, als Sie sich so intensiv mit dem Thema beschäftigt haben?

Ich wünsche mir, dass Leser*innen neben der kognitiven Erfassung von Inhalt, Aufbau, Stil und Kunstfertigkeit auch die eigene Erfahrung ernster nehmen. Diese Dimension wird zwar oft wahrgenommen, aber selten präzise beschrieben. Ich möchte mit meiner Arbeit zeigen, dass Wirkungen – wie etwa Jelinek sie oftmals entfacht – nicht bloß subjektiv und auch nicht zufällig sind. Die spürbare Beklemmung und Verstörung wird mit Grenzauflösungen, mit verschobenen Perspektiven, mit der Art, wie Figuren und Hintergründe zueinander in ein Verhältnis gesetzt werden, erreicht. Ich hoffe, dass damit Leseerfahrungen verständlicher und die schwer greifbaren Wirkungen von Texten wissenschaftlich ernst genommen werden können.

Ich war tatsächlich überrascht, wie präzise sich etwas beschreiben lässt, das zunächst so diffus wirkt. Im Verlauf meiner Untersuchungen wurde mehr und mehr deutlich, wie sehr Atmosphäre in Literatur mit der Struktur der Texte verknüpft ist. Beeindruckt hat mich erneut, mit welcher Genauigkeit Elfriede Jelinek Sprache einsetzt, und somit die erzählten Geschichten für die Lesenden spürbar macht. Durch die genaue Auseinandersetzung damit, wie sie Figuren, Räume, Dinge und Sprache miteinander in Beziehung und in Bewegung setzt, habe ich ein viel tieferes Verständnis dafür bekommen, wie Texte Inhalte nicht nur vermitteln, sondern erfahrbar machen. Meine wichtigste Erkenntnis war, dass Atmosphäre einem Text nicht einfach durch einzelne Stilmittel hinzugefügt wird. Sie entsteht aus seiner Form, aus seinen Instabilitäten und aus den Verschiebungen, die er in unserer Wahrnehmung auslöst. 

Paloma Ana Puljić, 1. Preis Masterarbeiten (ex aequo)

Portait Paloma Puljic in einem Park ©privat
©privat

Was hat Sie dazu motiviert, sich in Ihrer Masterarbeit mit dem Thema Nudging in der Klimapolitik zu beschäftigen?

Seitdem ich das erste Mal den Begriff „Intergenerationelle Gerechtigkeit“ in einem Uni Kurs gehört habe, beschäftige ich mich mit der Frage, wie wir als Gesellschaft Entscheidungen treffen können, die nicht nur uns selbst, sondern auch jenen gerecht werden, die nach uns kommen. Es ist eine Frage, die einfach erscheint, aber bei näherer Betrachtung einige der tiefsten Probleme der Ethik und der politischen Philosophie berührt: Was schulden wir Menschen, die noch nicht existieren? Die Klimakrise stellt in diesem Zusammenhang eines der drängendsten und zugleich komplexesten Probleme dar, mit denen künftige Generationen konfrontiert sein werden. Von diesem Punkt an begann ich zu untersuchen, wie verschiedene Staaten ihre Bevölkerung in klimapolitische Maßnahmen einzubinden versuchen. Dabei fiel mir ein wiederkehrendes Muster auf: Klimastrategien scheitern häufig an der Umsetzung - nicht weil die Ziele falsch gesetzt sind, sondern weil sie am tatsächlichen Verhalten der Bürgerinnen und Bürger vorbeigehen. Ich begann mich zu fragen, ob andere Politikbereiche Antworten bereithalten, die die Klimapolitik bislang übersehen hat, und machte mich auf die Suche nach Strategien, die sich als wirksam erwiesen haben. Dabei stieß ich auf das Konzept des Nudging: einen Ansatz, der nicht auf Verbote oder finanzielle Anreize setzt, sondern darauf, Menschen durch die gezielte Gestaltung von Entscheidungsumgebungen zu besseren Entscheidungen zu führen, ohne ihre Freiheit einzuschränken. Was mich an diesem Konzept sofort faszinierte, war seine scheinbare Eleganz: Nudging umgeht den politischen Widerstand, der oft mit regulatorischen Eingriffen einhergeht, und setzt stattdessen an den kognitiven Mustern an, die menschliches Verhalten tatsächlich steuern.

Welche Erkenntnisse aus Ihrer Forschung halten Sie für besonders wichtig, wenn es darum geht, Menschen zu nachhaltigem Verhalten zu bewegen?

Besonders wichtig ist das Konzept der „Nudge-Proofness“. Das ist ein Begriff, der die strukturellen Barrieren identifiziert, die bestimmte, meist benachteiligte Bevölkerungsgruppen daran hindern, Nudges zu folgen, selbst wenn sie dies wollten. Hier sind die Beispiele: Wer in einer ländlichen Region lebt, in der kein funktionierendes Nahverkehrsnetz existiert, kann unabhängig von seiner Motivation einem Nudge zur Reduzierung des Autogebrauchs schlicht nicht folgen. Wer in einer Mietwohnung lebt und weder Einfluss auf die Heizungsanlage noch die Möglichkeit hat, Solarenergie zu installieren, bleibt von entsprechenden Energie-Nudges strukturell ausgeschlossen. Diese strukturell bedingte Unfähigkeit, Nudges zu befolgen, verringert nicht nur die politische Wirksamkeit verhaltensbasierter Klimamaßnahmen, sondern trifft systematisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen überproportional stark und reproduziert damit bestehende soziale Ungleichheiten. Dies ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein ethisches Problem. Ich bin davon überzeugt, dass eine ethisch vertretbare und wirksame Klimapolitik strukturelle Barrieren systematisch identifizieren und abbauen muss, bevor verhaltensbasierte Interventionen eingesetzt werden. Andernfalls riskiert sie, ihre eigenen Klimaziele zu verfehlen und bestehende soziale Ungleichheiten nicht nur zu ignorieren, sondern sie auch potenziell aktiv zu vertiefen.

Was sollte Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Diskussion über Klimapolitik stärker berücksichtigt werden, damit Maßnahmen gerechter und wirksamer werden?

Meiner Meinung nach sollte in der öffentlichen Diskussion über Klimapolitik stärker die Handlungsmacht des Einzelnen berücksichtigt werden. Gut gestaltete Nudges (etwa CO₂-Kennzeichnungen an Produkten oder Echtzeit-Energieverbrauchsanzeigen) können genuine Gründe für klimafreundliches Handeln liefern, und können damit einen Kreislauf aus Bewusstsein, Reflexion und autonomer Entscheidungsfindung anstoßen. Nudges sind in diesem Sinne ein Instrument zur Stärkung eben jener Fähigkeit, die eine gerechte und nachhaltige Klimapolitik langfristig erst tragfähig macht: die moralische Handlungsmacht des Einzelnen.

Finn Markart, 2. Preis Masterarbeiten

Was hat Sie besonders an der Verbindung zwischen Videospielen und dem erlernen einer Fremdsprache interessiert? Gibt es bestimmte Aspekte, die Sie spannend fanden und die Sie in Ihrer Arbeit näher beleuchten wollten?

In gewisser Weise hatte ich schon immer das Gefühl, dass meine Englischkenntnisse maßgeblich durch meinen Medienkonsum in meiner Kindheit geprägt wurden, allen voran durch Videospiele.

In Diskursen über Videospiele wird meiner Meinung nach jedoch oft ein vereinfachtes und teils verzerrtes Bild dargestellt, welches sie generell in ein schlechtes Licht rückt. Aus meiner Perspektive sind sie jedoch ein durchwegs soziales Medium: sie laden ein, uns gegenseitig über Inhalte auszutauschen; selbst wenn wir nur Zuseher sind, fiebern wir mit anderen Spielern mit, ganz egal ob auf der Couch mit Freunden, in Videos oder Livestreams. Darüber hinaus gibt es natürlich auch eine riesige Auswahl an Spielen, die explizit für mehr als eine Person entworfen sind und allein gar nicht spielbar sind. Da im Fremdsprachenerwerb besonders authentische und kommunikative Sprachanwendung zu Erfolgen führen kann, wollte ich untersuchen, ob man durch gezielte Anwendung diese soziale Komponente für Lernerfolge nutzen kann.

Finn Markart auf den Stufen vor der Grazer Uni Bibliothek ©Ulrike Freitag, Uni Graz
©Ulrike Freitag, Uni Graz

Mir war bereits aus mehreren Studien bekannt, dass der Gebrauch von Videospielen im Sprachunterricht aus der Sicht der Lernenden besonders wirksam ist, jedoch stützen sich viele dieser Ergebnisse rein auf subjektive Einschätzungen, anstatt diese mit objektiven Messwerten anzureichern, weshalb ich den Fokus auf beobachtbare, quantifizierbare Fortschritte legte.

Außerdem war mir besonders wichtig, die Fortschritte durch die Videospiele, so gut wie möglich, mit Fortschritten aus „regulären“ Lernumgebungen zu vergleichen, weshalb ich mich dazu entschied, parallel zur Experimentalgruppe Teilnehmer:innen eines englischen Sprachkurses zu beobachten.

Was hat Sie bei den Ergebnissen Ihrer Studie am meisten überrascht? Gibt es etwas, das Sie vorher nicht erwartet hätten?

Auch wenn ich schon während der Konzeption vermutete, dass kooperative Videospiele ein immenses Potential für das Erlernen einer Fremdsprache haben könnten, war ich dennoch etwas davon überrascht, wie stark die Auswirkung in Bezug auf die Sprachflüssigkeit ausfiel. Genauer gesagt, bezüglich der objektiven Messungen zur Sprechgeschwindigkeit und Häufigkeit von Sprechpausen konnte ich beobachten, dass Videospiele nicht nur gleich wirksam, sondern tatsächlich wirksamer als traditionelle Lernumgebungen sind.

Die Ergebnisse waren dazu auch besonders aufschlussreich in Bezug auf Stärken und Schwächen beider Lernumgebungen. So profitierte die Videospiel-Gruppe zwar besonders von einem verbesserten Sprachfluss, während die Teilnehmer:innen des mündlichen Sprachkurses von einer erhöhten Komplexität und einem erweiterten Wortschatz in ihrer Sprache berichteten. Diese Erkenntnis ist wiederum besonders wertvoll für die Fremdsprachendidaktik, da sie einerseits Aufschluss bringt in welchen Situationen man mit welchen Lernmethoden ansetzen kann und andererseits unterstreicht, dass es keinen „Cheat-Code“ für den Spracherwerb gibt, sondern ein gemischter Ansatz vonnöten ist, um alle Sprachkompetenzen bestmöglich zu fördern.

Was würden Sie Menschen raten, die eine Fremdsprache lernen möchten? Können Videospiele dabei wirklich helfen, und wenn ja, wie?

Ganz konkret würde ich raten Situationen zu suchen die Fremdsprache in authentischen, praxisbezogenen Kontexten anzuwenden. Das kann in einem Sprachkurs, in Gesprächen mit Muttersprachler:innen, oder eben auch im Kontext von Videospielen geschehen.

Oft geht es darum, sich selbst ein bisschen auszutricksen, einen Anlass zu schaffen, die Sprache zu sprechen und uns vergessen zu lassen, dass wir uns gerade in einer Lernsituation befinden. Besonders Spiele wie „Keep Talking and Nobody Explodes“, „Overcooked“ oder „Moving Out“ sind dabei sehr empfehlenswert, da die Kommunikation zwischen Spieler:innen im Vordergrund steht, und teils sogar zwingend notwendig ist, um ans Ziel zu gelangen. Die genannten Spiele arbeiten zusätzlich auch noch immer wieder mit Zeitdruck, was laut Studien tatsächlich förderlich in Bezug auf Sprachflüssigkeit sein kann.

Wenn die Kenntnisse noch sehr gering sind, wird es etwas schwieriger und man muss mit der Anwendung etwas kreativer werden, denn das, was in Videospielen (die nicht explizit für den Spracherwerb geschaffen wurden) fehlt, sind für unsere Kompetenz abgestimmte Lerninhalte, also grammatische Strukturen und Vokabular, sowie eine Feedback Schleife, die uns sagt, was wir sprachlich richtig oder falsch machen. In solchen Fällen können Videospiele trotzdem eine unterstützende Funktion einnehmen, müssen aber zuvor sprachlich angereichert werden.

Saskia Terbrüggen, 3. Preis Masterarbeiten

Portrait Saskia Terbrüggen in einem Waldgebiet ©privat
©privat

Was hat Sie dazu bewegt, sich in Ihrer Arbeit mit der Darstellung von Beate Zschäpe in Zeitungsberichten zu beschäftigen? Gab es bestimmte Beispiele oder Ereignisse, die Ihr Interesse geweckt haben?

Mein wissenschaftliches wie gesellschaftspolitisches Interesse an Beate Zschäpe und dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) fußt in aktuellen politischen Entwicklungen: in Zeiten der Zunahme rechtsextremer Bewegungen will ich Verantwortung übernehmen und Extremismus und Terrorismus sichtbarer machen. Die Normalisierung rechtsextremer Ideologien in Deutschland gefährdet nicht nur demokratische Strukturen, sondern auch Migrant*innen, queere Menschen und weitere, marginalisierte Gruppen. Daher erachte ich es als umso wichtiger, mich genau damit auseinanderzusetzen und durch meine Forschung Bewusstsein zu schaffen.

Meine Entscheidung, mich mit Zeitungsberichten zu beschäftigen, sollte den Fokus auf die mediale Öffentlichkeit und deren Wirkung nach außen legen. Ich erinnerte mich noch gut an Schlagzeilen, die Zschäpe als ‚Heißen Feger‘ und als ‚Terrorbraut‘ betitelten. Diese vergeschlechtlichte Sexualisierung einer rechtsextremen Täterin weckte in mir die Frage danach, inwiefern Täterinnen Handlungsmacht zugesprochen wird. Die mediale Konstruktion Zschäpes war in genauerer Analyse weitaus diverser, als zuerst vermutet:

Nach der Sexualisierung und Ästhetisierung Zschäpes zu Prozessbeginn 2013 wurde sie zunehmend als kalkulierte, strategische Täterin inszeniert (2015) und zuletzt auch als verurteilte Täterin ohne jeden Zweifel an ihrer Mitschuld dargestellt (2018).

Welche Unterschiede oder Besonderheiten sind Ihnen bei der Berichterstattung über Beate Zschäpe im Vergleich zu anderen Angeklagten im NSU-Prozess aufgefallen? Gibt es etwas, das Sie besonders überrascht hat?

Neben Beate Zschäpe saßen vier Männer auf der Anklagebank: Holger Gerlach, Ralf Wohlleben, Carsten Schultze und André Eminger. Während Beate Zschäpe medial im Prozesszeitraum sehr sichtbar war, wurde über die männlichen Angeklagten nur nebensächlich berichtet. Dies veränderte sich erst 2018 – zum Zeitpunkt des Urteilsspruches: Zschäpe – die zu lebenslanger Haftstrafe mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt wurde – bekam als einzige eine längere Haftstrafe, die Männer wurden zu wenigen Jahren verurteilt, welche bereits zu Prozessende abgesessen waren.
Im Kontext bereits bestehender Forschung zu Frauen und Rechtsextremismus ist anzumerken, dass Medien oft ein Bild einzelner, rechtsextremer Frauen zeichnen – so auch erkennbar im NSU-Prozess. Hieran überraschte mich vor allem, dass sich dieses Bild immer wieder reproduziert: Zwar stand gemeinsam mit Beate Zschäpe André Eminger vor Gericht – seine Frau und enge Freundin Zschäpes Susann Eminger hingegen wird erst im Juni 2026 der Prozess gemacht. So stand Zschäpe und steht Eminger als einzelne, rechtsextreme Frauen im medialen Fokus. Dies basiert in diesem Fall zwar vorrangig auf der juristischen Ausgangslage, dennoch verstärkt die Berichterstattung das benannte diskursive Muster, unabhängig davon, ob strukturelle Netzwerke von Frauen im rechtsextremen Milieu existierten oder nicht. Zwar wird vor allem in der taz auf die Rolle der Frauen in rechtsextremen Netzwerken eingegangen, jedoch dominiert gerade 2013 und 2015 der alleinige Fokus auf Zschäpe.

Welche Bedeutung hat es aus Ihrer Sicht, migrantische Perspektiven in der Forschung zu Rechtsextremismus stärker zu berücksichtigen?

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) ermordete zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen, neun davon hatten Migrationsgeschichte. Erst die Selbstenttarnung des sogenannten NSU-Trios im Jahr 2011 – womit der Moment gemeint ist, in dem die Gruppe durch den Tod zweier Mitglieder und das Versenden von Bekennervideos erstmals öffentlich identifiziert wurde – offenbarte die rechtsextreme Motivation hinter den Verbrechen. Bisher wurde die Täter*innenschaft medial sowie in den polizeilichen Ermittlungen despektierlich migrantischen Communities zugeschrieben. Dass es sich um rechtsextreme Gewalt handelte, war für die betroffenen Communities keine Frage gewesen – die sogenannte Selbstenttarnung verschob lediglich die Wissenslage jener, die ihnen jahrelang nicht geglaubt hatten. Die Beschäftigung mit dem NSU zeigt paradigmatisch auf, welche Stimmen – nicht nur in der Forschung zu Rechtsextremismus, sondern auch gesamtgesellschaftlich – gehört werden und welche keinen Raum einnehmen können. Die Fragestellung als solche zeigt bereits, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit migrantischen Perspektiven ist, um hegemoniale – meist weiße – Narrative zu dekonstruieren. Es geht nicht um Bedeutung, es geht um Sichtbarmachung und um Verantwortung.
Diese Überlegungen sind auch der Ausgangspunkt meiner geplanten Dissertation, die sich damit beschäftigt, inwiefern migrantische Perspektiven in der Erinnerungskultur an rechtsextreme und rassistische Verbrechen in Deutschland unsichtbar gemacht werden. Durch Interviews mit Überlebenden rechtsextremer Gewalt, deren Angehörigen sowie Aktivist*innen soll unter anderem der Frage nachgegangen werden, inwiefern migrantisch-aktivistische Formen der Raumaneignung und Erinnerungspolitik zur Transformation hegemonialer weißer Erinnerungskultur beitragen und welche positionierungsbezogenen Reflexionen dies von nicht-migrantischen Forschenden fordert.

Beginn des Seitenbereichs:
Zusatzinformationen:

Universität Graz
Universitätsplatz 3
8010 Graz
  • Anfahrt und Kontakt
  • Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
  • Moodle
  • UNIGRAZonline
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Cookie-Einstellungen
  • Barrierefreiheitserklärung
Wetterstation
Uni Graz

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche

Beginn des Seitenbereichs:

Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche