Forscher:innen im Portrait
Robert Felfe: Professor für Kunstgeschichte des 15. bis 17. Jahrhunderts am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft
Kunst und Wissenschaft
Was sind Wunderkammern? Wie druckt man die Natur? Und warum waren Niederländer des 17. Jahrhunderts so fasziniert von Mittelmeerhäfen? Mit diesen Fragen befasst sich der Kunsthistoriker und Spezialist für die Kunst der Frühen Neuzeit, Robert Felfe. Seit 2020 ist er Professor für Kunstgeschichte des 15. bis 17. Jahrhunderts am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der Universität Graz.
Gedruckte Natur
Wer hat sie noch nicht gesehen? Drucke von Blättern oder anderen Pflanzen, direkt auf Papier? Diese Technik der Naturselbstdrucke wurde spätestens ab dem 15. Jahrhundert angewandt: Einerseits diente sie als naturkundliches Bildmaterial in der Pflanzenkunde, andererseits wurde sie aufgrund ihrer ästhetischen Qualität auch als Kunstwerk geschätzt. Robert Felfe widmet sich in seiner aktuellen Forschung der Geschichte und Bedeutung dieser Technik, insbesondere im Zeitraum vom 16. bis 19. Jahrhundert. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem bisher kaum erforschten Nachlass des Grazer Botanikers Constantin von Ettingshausen (19. Jahrhundert), der intensiv mit dieser Methode arbeitete. Die Ergebnisse dieser Forschung werden voraussichtlich 2027 als Monografie veröffentlicht.
Naturselbstdrucke erleben heute eine Wiederentdeckung, sowohl in der Kunst als auch im populären Bereich. Künstler:innen, wie Anna Artacker, greifen diese Technik auf, um ökologische Themen und ein neues Bewusstsein für die Natur zu thematisieren. Dies steht im Kontext eines „Vegetal Turn“ (einer Hinwendung zur pflanzlichen Welt) in Kunst und Kulturwissenschaften.
Ein Vorläufer des Museums
Ein weiteres Themenfeld, dem sich Robert Felfe widmet, sind Wunderkammern, auch Kunst- und Naturalienkammern genannt. Dabei handelt es sich um Sammlungen, die ab dem späten 16. Jahrhundert entstanden. Sie vereinten Kunstwerke, antike Artefakte, naturkundliche Objekte (wie anatomische Präparate, Fossilien und Pflanzen) sowie wissenschaftliche Materialien in einem gemeinsamen musealen Kontext. Sie gelten als Vorläufer moderner Museen, waren jedoch meist private Sammlungen in Fürstenhäusern, Gelehrtenhaushalten oder Klöstern und nicht öffentlich zugänglich.
Die Faszination der Wunderkammern liegt – nicht nur für Robert Felfe – in ihrer Vielfalt und ihrem interdisziplinären Charakter. Sie vereinten Kunst, Wissenschaft und Natur in einem Raum und boten eine einzigartige Möglichkeit, die Welt in ihrer Gesamtheit zu erforschen und zu bewundern. Die Sammlungen waren nicht nur ästhetisch beeindruckend, sondern auch Orte des Erkenntnisgewinns, an denen Künstler:innen, wie Rembrandt, der selbst eine solche besaß, und Wissenschaftler:innen aktiv mit den Objekten arbeiteten.
Heute wird die Idee der Wunderkammern wieder aufgegriffen, da sie ein neues Bewusstsein für die enge Verbindung zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik schaffen können. Sie bieten Inspiration für interaktive und interdisziplinäre Ansätze in der Museumsarbeit.
Der Traum vom Mittelmeer
In seinem neuesten Projekt untersucht Robert Felfe die Darstellung von Mittelmeerlandschaften, insbesondere Küsten und Hafenszenarien, in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Die zentrale Frage ist, warum das Mittelmeer in der Kunst der Niederlande des 17. Jahrhunderts eine so prominente Rolle spielte, obwohl die Niederlande ihre größten globalen Interessen und Konkurrenzen in anderen Regionen hatten. Das Projekt untersucht die Wechselwirkungen zwischen regionalen und globalen Perspektiven in der Kunst dieser Zeit.
Robert Felfe ist nicht nur fasziniert von der hohen künstlerischen Innovation und Produktion der Niederlande im 17. Jahrhundert sowie von der bislang wenig erforschten Rolle des Mittelmeers in dieser Kunst. Er sieht darin einen „blinden Fleck“ der bisherigen Forschung; eine Forschungslücke, die er schließen will.
Eine Erweiterung des Weltverständnisses
Forschungs- und interessengeleitete Lehre ist Robert Felfe ein Anliegen. Dabei legt er großen Wert auf die direkte Auseinandersetzung mit Kunstwerken und praxisorientierte Formate wie Exkursionen sowie auf eine intensive Betreuung der einzelnen Studierenden, die sich für dieses Fach entscheiden, denn für Robert Felfe ist Kunstgeschichte ein Schlüssel zur kritischen Reflexion von Vergangenheit und Gegenwart sowie zur Erweiterung des Weltverständnisses.
Robert Felfe studierte Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft in Greifswald und Berlin, wo er 2000 promovierte und sich 2011 mit einer Arbeit zur Wissensgeschichte der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts habilitierte. Nach Gast- und Vertretungsprofessuren in Berlin, Mainz und Konstanz sowie einer Forschungsprofessur in. Hamburg, wechselte er 2020 an die Universität Graz.