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Im Zentrum des Vortrags im Rahmen des Literaturwissenschaftlichen Kolloquiums am Institut für Germanistik steht die Reprint-Industrie der Gegenwart, die sich vorgeblich dem kulturellen Erbe verpflichtet sieht und sich dessen (Wieder-)Zugänglichmachung auf die Fahnen geschrieben hat: „We believe this work is culturally important, and […] have elected to bring it back into print as part of our continuing commitment to the preservation of printed works worldwide“, heißt es häufig im Klappentext. Hinter dem hehren Anliegen verbirgt sich aber allzu oft ein Geschäftsmodell, das sich die von Google & Co. vorangetriebene massenhafte Retrodigitalisierung zunutze macht, welche unzählige gemeinfreie Werke wieder verfügbar machte, die sich nun ohne großen Aufwand – unter Rückgriff auf Print-on-Demand und Infrastrukturen des Online-Handels – (re)merkantilisieren lassen. Dabei profitiert man nicht nur von den Früchten der Arbeit anderer. Angesichts der mangelnden Qualitätskontrolle in den vollautomatisierten Produktionsprozessen schadet man auch den Werken, die man zu retten vorgibt.
Prof. Dr. Annette Gilbert ist Literaturwissenschaftlerin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, wo sie am Department Germanistik und Komparatistik tätig ist. Ihre Forschung verbindet Literaturtheorie, Buch- und Mediengeschichte, Materialität und Medialität von Literatur, Künstlerbücher, experimentelle Literatur und Kunst sowie Fragen von Original, Kopie, Wiederholung und Zitat. Nach Stationen u. a. in Berlin, Russland, Göttingen, Bielefeld, Boulder/Colorado und Mainz habilitierte sie sich 2017 mit der Studie Im toten Winkel der Literatur. Grenzfälle literarischer Werkwerdung seit den 1950er Jahren. Zu ihren Publikationen zählen u. a. Literature’s Elsewheres. On the Necessity of Radical Literary Practices (2022) sowie die Herausgeberschaften Publishing as Artistic Practice (2016), Digitale Literatur II (2021), gemeinsam mit Hannes Bajohr, und Library of Artistic Print on Demand. Post-Digital Publishing in Times of Platform Capitalism (2025), gemeinsam mit Andreas Bülhoff. Ihre Arbeiten untersuchen insbesondere die kulturellen, ästhetischen, rechtlichen und infrastrukturellen Bedingungen literarischer Produktion und Zirkulation im analogen, digitalen und postdigitalen Zeitalter.
Programm Literaturwissenschaftliches Kolloquium SoSe 2026