Tanja Skambraks, Professorin für Geschichte des Mittelalters
Franziskaner als Frühkapitalisten?
Tanja Skambraks verbindet in ihrer Arbeit Forschung, Lehre und Öffentlichkeitsarbeit, um historische Themen wie Armut und Wirtschaftsgeschichte nicht nur wissenschaftlich zu beleuchten, sondern auch gesellschaftlich relevant und greifbar zu machen.
Mikrofinanzen im Mittelalter
Ein Schwerpunkt in der Forschung von Tanja Skambraks ist die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters, insbesondere Armut und Armutsbekämpfung. Hier hat sie ihren Fokus auf mittelalterliche Pfandleihbanken (Monti di Pietà) gelegt. Diese wurden – was für viele wohl überraschend ist – von den Franziskanern gegründet, um damit Kleinkredite an Bedürftige vergeben zu können. Frau Skambraks bezeichnet die Franziskaner als einen faszinierenden Orden, der trotz seiner Verpflichtung zu Armut und Bescheidenheit innovative wirtschaftsethische Konzepte entwickelte. Besonders hebt sie die Rolle von Petrus Johannes Olivi und anderen franziskanischen Denkern hervor, die Kapital als etwas Produktives betrachteten und damit frühkapitalistische Ideen vorwegnahmen.
Pfandleihbanken, so Tanja Skambraks, waren nicht nur ein Mittel zur Armutsbekämpfung, sondern verkörperten auch moralische und soziale Werte, die bis heute relevant sind. Die Verbindung zu modernen Konzepten wie Mikrofinanz (auch Mikrokredite) zeigt, wie historische Ansätze zur Unterstützung von Menschen in prekären Situationen auch in der Gegenwart Anwendung finden können.
Objekt-Geschichten
Aktuell forscht Tanja Skambraks zu mittelalterlichen Objekten. Dazu hat sie gemeinsam mit Kolleg:innen aus Salzburg und Kiel gerade das Buch The Medieval Economy in 50 Objects (Routledge) verfasst. Der Band richtet sich an ein breites Publikum und nutzt materielle Kultur, wie mittelalterliche Schuhe, Spindelgewichte oder Münzen, um die mittelalterliche Wirtschaft anschaulich zu erklären. Die Historikerin betont, dass solche Objekte nicht nur Handelswege und Produktionsbedingungen, sondern auch die Lebenswelt der Menschen im Mittelalter greifbar machen. Ein Rechentisch wurde zum Beispiel von Kaufleuten und Stadträten genutzt, um Einnahmen und Ausgaben zu berechnen. Im Mittelalter wurde noch nicht mit arabischen Zahlen gerechnet, sondern mit römischen Ziffern, und deren Berechnung erfolgten mithilfe von Zählsteinen auf Linien entlang des Tisches. Der Rechentisch war nicht nur ein praktisches Werkzeug, sondern auch ein Ausdruck der wirtschaftlichen Organisation und der Bedeutung von Buchführung für öffentliche und private Institutionen. Er verbindet die Geld- mit der Handels- und Mathematikgeschichte und zeigt damit, wie interdisziplinär sich die Erforschung solcher Objekte gestalten kann.
Perspektiven der Armut
Aktuell ist die Ausstellung „Ein gutes Leben für alle – historisch gerahmt“ in der Universitätsbibliothek Graz zu sehen. Dabei handelt es sich um eine Ausstellung der Caritas zu ihrem 100-jährigem Jubiläum, die nun von der Historikerin Tanja Skambraks zusätzlich historisch verortet wurde. Dies erfolgt mit insgesamt acht Hörstationen aus der Perspektive Betroffener heraus, die von Masterstudierenden der Historikerin entwickelt wurden.
Diese Stationen basieren auf Selbstzeugnissen aus dem Mittelalter, die die Lebensumstände und, was von Tanja Skambraks betont wird, auch die Überlebensstrategien armer Menschen beleuchten. Zusätzlich werden Themen wie Hospitäler, Bettelordnungen und Pfandleihbanken behandelt, um die historische Armutsbekämpfung darzustellen. Die Ausstellung soll nicht nur die Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufzeigen, sondern auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Armut ein universelles und zeitloses Phänomen ist, das nicht stigmatisiert werden sollte.
Wie am Beispiel der aktuellen Ausstellung ersichtlich, ist es Tanja Skambraks ein Anliegen, historische Themen anschaulich und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So hat sie neben der Ausstellung mit Studierenden auch bereits andere Formate umgesetzt, wie Podcasts oder eine Online-Ausstellungen über Siegel. So verbindet sie forschungsgeleitete Lehre mit praxisnahen Projekten, um Studierenden beruflich relevante Fähigkeiten zu vermitteln.
Tanja Skambraks studierte Geschichte, Anglistik und Kommunikationswissenschaften in Dresden und der University of Edinburgh, bevor sie 2014 an der Universität Mannheim promovierte. Für ihre Habilitationsschrift Karitativer Kredit. Die Monti di Pietà, franziskanische Wirtschaftsethik und städtische Sozialpolitik in Italien (2021). Ihr Buch zum Karitativen Kredit wurde 2024 im Rahmen des Human Solvency Prize der Datini Society ausgezeichnet Seit 2023 ist sie Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Graz.