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Vom Skriptorium zum Cyberspace

Eine interdisziplinäre Plattform untersucht Prozesse, Praxis und Produkte des Schreibens

Ob Roman, Zeitungsartikel, Blog oder Einkaufszettel – alle haben sie eines gemeinsam: Sie sind Produkte eines Schreibprozesses. „Das Schreiben ist eine der wichtigsten Kulturtechniken und beeinflusst maßgeblich die sozialen, politischen und ökonomischen Möglichkeiten des modernen Menschen“, unterstreicht Susanne Knaller, Leiterin des Zentrums Kulturwissenschaften an der Universität Graz. Da das Schreiben in engem Zusammenhang mit verschiedenen gesellschaftlichen Fragen stehe, müsse es auch aus der Perspektive unterschiedlicher Fachrichtungen betrachtet werden. Deshalb wurde 2015 an der Universität Graz die „Plattform Schreiben“ als interdisziplinäre Arbeitsgruppe gegründet, koordiniert vom Zentrum für Kulturwissenschaften. Sie führt ForscherInnen aus den Literaturwissenschaften, der Fachdidaktik, den Digital Humanities, der Soziologie und den Kulturwissenschaften zusammen. Untersucht wird das Schreiben in seinen vielen Facetten – als Prozess, Praxis und Produkt.

In Blog und BookTube
Elke Höfler, Romanistin mit Schwerpunkt Mediendidaktik, ist eine der WissenschafterInnen, die sich der Plattform angeschlossen haben. Die Forscherin, die kürzlich für ihr Proseminar „Allgemeine Fachdidaktik: Digitale Kompetenzen im Fremdsprachenunterricht“ mit dem Lehrpreis der Universität Graz ausgezeichnet wurde, untersucht, wie das Schreiben mit bzw. in digitalen Medien das Sprachelernen und -lehren fördern kann.
Ausgehend von der Frage, mit welchen modernen Formen der Literaturvermittlung Lernende zum Lesen und Schreiben angeregt werden können, entwickelt Höfler authentische Übungen. Das bedeutet: „Anstatt Aufgaben in einem fiktiven Kontext zu erledigen, schreiben die SchülerInnen im echten Leben, zum Beispiel eine Buchbesprechung auf einer Rezensionsplattform im Internet oder die Bewertung einer auf Airbnb gebuchten Unterkunft“, erklärt die Romanistin mit Schwerpunkt mediengestützte Fachdidaktik. Dabei lernen sie, wie man in verschiedenen Formaten für ein unterschiedliches digital rezipierendes Publikum schreibt. „Denn es macht einen Unterschied, ob die LeserInnen eines BookTube grundsätzlich an Literatur interessiert und in dieser Richtung vorgebildet sind, oder ob ich mich in einem Lifestyle-Blog an eine heterogene Zielgruppe wende“, nennt Höfler ein Beispiel.
Abgesehen vom Schreibstil habe jedes Medium weitere eigene Regeln. So sollte ein Facebook-Posting einen knackigen Titel haben und im Untertitel eine kompakte Information liefern sowie durch die Text-Bild-Kombination, die durchaus auch widersprüchlich sein kann, Aufmerksamkeit erregen. „Was Verwirrung oder Staunen erzeugt, wird eher angeklickt“, weiß Höfler. Schreiben mehrere Personen etwa für ein Wiki, müssen sie gemeinsam Regeln formulieren. Auch das lässt sich im Unterricht erproben.
In ihrer Habilitation befasst sich die Forscherin mit Möglichkeiten, Youtube-Stars wie Bibi oder Dagi Bee für das Sprachenlernen zu nutzen. Deren Videos mit Inhalten aus der Lebenswelt der Jugendlichen sind perfekt inszeniert. Die spontan wirkenden Texte werden vorgeschrieben und beinhalten Produktplatzierungen. „Sie bieten nicht nur Anlass zur Diskussion über verschiedene Themen – von Konsumenten- bis Umweltschutz –, sondern können auch als Vorbild zur Erstellung von Videos im Unterricht dienen. Die SchülerInnen lernen dabei unter anderem selbstständig zu recherchieren und anschließend ein Drehbuch zu verfassen.

Fachtagung „Schreibforschung interdisziplinär“
Um den Austausch mit internationalen Koryphäen zu fördern, hat die Plattform Schreiben zu einer Fachtagung an die Universität Graz eingeladen. Inhaltliches Ziel der Veranstaltung, die von 28. bis 29. November 2018 im RESOWI-Zentrum stattfindet, ist, schreibtheoretische Modelle aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenzuführen und ihre Anwendbarkeit in der Praxis zu diskutieren.
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