Ende dieses Seitenbereichs.

Beginn des Seitenbereichs: Inhalt:

Was ist gerecht?

Dienstag, 26.05.2020, Universität, Forschen

Philosophen blicken hinter den „Schleier des Nicht-Wissens“

Wie können wir als Gesellschaft möglichst gerechte Entscheidungen treffen? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage entwickelte der amerikanische Philosoph John Rawls (1921–2002) in den 1970er-Jahren ein Gedankenexperiment, das er den „Schleier des Nichtwissens“ nannte. Dieser Schleier verdeckt sämtliche Informationen über uns als Einzelperson – Geschlecht, Alter, Beruf, Einkommen, Gesundheitszustand und so weiter.

„Rawls‘ Annahme war, dass wir fairer urteilen, je weniger wir über uns und unsere soziale Position wissen“, erklären Norbert Paulo und Thomas Pölzler vom Institut für Philosophie der Universität Graz. Die beiden Forscher haben in einem aktuellen Aufsatz Vorschläge gemacht, wie man die Zuverlässigkeit und Resultate dieses Gedankenexperiments empirisch überprüfen könnte. Dafür haben sie den Internationalen Essay Preis des polnischen Open Access Journals „Diametros“ erhalten.

Schaffen wir das?
In ihrem Aufsatz “X-Phi and Impartiality Thought Experiments: Investigating the Veil of Ignorance” stellen Norbert Paulo und Thomas Pölzler unter anderem die Frage, ob wir die gedankliche Abstraktion des Experiments überhaupt schaffen können. Die beiden Forscher erklären: „Wir glauben, dass die Psychologie zu dieser Frage sehr viel beitragen kann. Bislang ist das Gedankenexperiment neben der Philosophie hauptsächlich von einem verhaltensökonomischen Standpunkt aus untersucht worden. Entsprechende Studien haben aber der Komplexität des ‚Schleiers des Nicht-Wissens‘ nicht immer voll Rechnung getragen. Wir haben deshalb Vorschläge für neue psychologische Studien ausgearbeitet, die relevantere Daten liefern könnten.“


Corona-Maßnahmen: Fair für alle?
In Zeiten der Corona-Pandemie erfährt der „Schleier des Nichtwissens“ laut den Forschern übrigens eine ganz neue Relevanz bzw. Brisanz: „Welche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus würden Sie mittragen, wenn Sie nicht wüssten, ob Sie Vorerkrankungen haben, ob Sie über 65 Jahre alt sind oder ob Sie Kinder beim home schooling unterstützen müssten?“, formulieren die beiden Philosophen und verweisen auf die Ethik bzw. die Philosophie, die jetzt einen besonderen Stellenwert erfahren sollte. „Denn gerade in Phasen, in denen individuelle und kollektive Bedürfnisse aufeinanderprallen, in denen wirtschaftliche und medizinische Interessen einander scheinbar gegenüberstehen, ist es wichtig, Werte wie jenen der Gerechtigkeit im Auge zu behalten.“


>> Mehr zum Thema im „Standard“: „Wie hoch darf der Preis sein, um Leben zu retten?“

 

Ende dieses Seitenbereichs.

Beginn des Seitenbereichs: Zusatzinformationen:


Ende dieses Seitenbereichs.