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Anbahnungsfinanzierung

Förderung von Drittmittelprojektanträgen

Die Geisteswissenschaftliche Fakultät schreibt seit einigen Jahren eine Anschubfinanzierung für die Antragstellung von Drittmittelprojekten an der Fakultät aus (kompetitive Vergabe). Insgesamt wurden bereits mehr als 50 Projekte für eine Förderung ausgewählt.

Ausschreibung für Förderungen für das Jahr 2023

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2022 wurde an vier Forschungsvorhaben vergeben:

  • BERTH, Christiane: Die digitale Transformation von Arbeitswelten: Geschlechterverhältnisse, Raumorganisation und Kommunikation im Büro, 1970-2010
  • BLEIER, Roman: Die Reichstage des 16. Jahrhunderts: Textberge und Textminen
  • HINGER, Barbara: Lernsprachenentwicklung im schulischen Kontext. Empirische Befunde für den Unterricht moderner Sprachen
  • MOSER, Elias: Rights in Criminal Law

Die digitale Transformation von Arbeitswelten: Geschlechterverhältnisse, Raumorganisation und Kommunikation im Büro, 1970-2010

Christiane Berth

Kaum ein Ort hat das Arbeitsleben des 20. Jahrhunderts so stark geprägt wie das moderne Büro. Neben einem Ort der Sozialisation und der Verwaltungsroutinen war das Büro ein Ort der Interaktion zwischen Mensch und Technik. Schreibmaschinen und Telefone fanden sich seit dem späten 19. Jahrhundert an immer mehr Arbeitsplätzen. Ihnen folgten seit den 1950er Jahren Buchungsmaschinen, Diktiergeräte und Computer. Ende des 20. Jahrhunderts erlaubten kleinere Geräte und neue Kommunikationstechnologien das mobile Arbeiten, so dass einige BeobachterInnen bereits das Ende des Büros gekommen sahen. Gleichzeitig lagerten viele Firmen ihre Bürotätigkeiten in Länder des globalen Südens aus, allen voran nach Indien, das inzwischen als „Büro der Welt“ gilt. Das moderne Büro war also einerseits ein Mikroraum der alltäglichen Technikaneignung, andererseits ein Makroraum der Verhandlung globaler Arbeitsbeziehungen.

Das Projekt wird analysieren, wie sich die Nutzung digitaler Techniken auf Geschlechterverhältnisse, Raumorganisation und Kommunikation im Büro auswirkte. Dabei konzentriert es sich auf die Zeitphase zwischen den späten 1970er Jahren und der Jahrtausendwende, als PCs, Internet und Emails die Arbeitswelten einschneidend veränderten. Diese Entwicklung verlief allerdings global ungleichzeitig, da hohe Anschaffungskosten und unzureichende Infrastrukturen die Ausbreitung in einigen Weltregionen verlangsamten. Das Projekt wird die Perspektiven unterschiedlicher historischer AkteurInnen berücksichtigen, wie etwa von Büroangestellten, ManagerInnen und Gewerkschaften. Dabei sollen neben der Nutzung digitaler Techniken im Arbeitsalltag auch öffentliche Debatten analysiert werden, in die diese AkteurInnen intervenierten.

Die Reichstage des 16. Jahrhunderts: Textberge und Textminen

Roman Bleier

Der Reichstag der Teutschen Nation ist integraler Bestandteil der vielfältigen politisch-kirchlichen Beratungskultur Lateineuropas in der Frühen Neuzeit. Wie auch andere solche Versammlungen, z. B. das englische Parlament, ist er ein Forum vormoderner politischer Repräsentation, die eine der Wurzeln des modernen Parlamentarismus bildet. Das 16. Jahrhundert ist die Zeit, in der sich der Reichstag allmählich zu einer repräsentativen Ständeversammlung (engl: representative assembly) entwickelt. Im 16. Jahrhundert wurden die Reichstage noch in unregelmäßigen Abständen an unterschiedlichen Orten von den Kaisern des Hauses Österreich einberufen. Die Verhandlungen der hochadeligen wie städtischen Vertreter, die teils persönlich anwesend waren, teils Bevollmächtigte entsandten, dauerten meist mehrere Monate.

Die Reichstagsforschung stützt sich zu einem großen Teil auf die Editionsreihen der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (HiKo), in denen seit dem 19. Jahrhundert Reichstagsakten ediert werden. Bis vor wenigen Jahren erfolgte die Publikation dieser Editionen im Druck. Mittlerweile hat die HiKo jedoch mit der Retro-Digitalisierung von existierenden Bänden begonnen und die Dokumente zum Reichstag von 1576 werden erstmals als eine digitale Edition veröffentlicht. Dadurch finden Historiker*innen wie andere historisch arbeitende Disziplinen nun erstmals eine Vielzahl von elektronischen Texten der RTA-Editionen in unterschiedlicher Erschließungstiefen und unterschiedlichen Formaten, mit Metadaten und verlinkten Registern/Indizes online frei zugänglich vor. Ohne technische Erschließung wären diese ‘Textberge’ für menschliche Leser*innen nicht zu überblicken – je weiter die Erschließung fortschreitet, desto besser lassen sich künftige Forschungen daran anschließen.

Da sukzessive mehr und mehr Quellenmaterial über die Reichstage digital verfügbar wird, stellt sich die Frage, ob und wie gut diese Quellen für die historische Forschung verwendet werden können. Das zu beantragende Projekt Die Reichstage des 16. Jahrhunderts: Textberge und Textminen möchte einerseits, indem es die Teilnehmer und ihre Kommunikationsnetzwerke reichstagsübergreifend analysiert, eine empfindliche Forschungslücke schließen und zugleich für komparatistische Fragestellungen zugänglich machen; andererseits soll das Potential von Methoden der Digital Humanities und ihrer Anwendung auf dieses Textkorpus erprobt und kritisch über ihren Mehrwert für die historische Forschung reflektiert werden. Im Vordergrund steht dabei die Erschließung von zentralen Akteuren und Themen, wobei Methoden wie Named Entity Recognition (NER) und auch Linked Data eine wichtige Rolle spielen soll.

Lernersprachenentwicklung im schulischen Kontext. Empirische Befunde aus dem Unterricht moderner Sprachen

Barbara Hinger

Die im Rahmen der Anschubfinanzierung der Fakultät für Projektantragstellungen geförderte Studie hat zum Ziel, den schulischen Fremdsprachenunterricht aus der Perspektive der empirischen Fremdsprachendidaktikforschung zu beleuchten. Der Fokus liegt dabei auf der Bedeutung des Spracherwerbs im unterrichtlichen Kontext und ist dem Forschungsbereich Instructed Second Language Acquisition/ISLA zuzuordnen. Analysiert wird die Entwicklung der Lernersprache von Schüler*innen in Bezug auf morphosyntaktische Phänomene der untersuchten Zielsprachen, wobei die romanischen Sprachen als zweite lebende Fremdsprache im schulischen Kontext sowie Englisch als erste lebende Fremdsprache einbezogen werden. Elizitiert werden aufgabengeleitete mündliche und schriftliche Spontanspracheproduktionen der Lerner*innen im Zeitraum von zwei Lernjahren. Damit will das Projekt die in den österreichischen Lehrplänen für die Sekundarstufe I (Mittelschulen, AHS-Unterstufen) und die Sekundarstufe II (AHS-Oberstufen) bereits seit 2004 respektive 2006 formulierte Berücksichtigung lernersprachlicher Entwicklungen im Fremdsprachenunterricht aufgreifen, einen evidenzbasierten Beitrag zu deren Beschreibung für die genannten Sprachen leisten und die Möglichkeit eröffnen, zur Schließung eines Forschungsdesiderats beizutragen, das im österreichischen Kontext bislang lediglich in wenigen, für Einzelsprachen konzipierten Fallstudien Berücksichtigung fand. Die darüber hinaus geplante Triangulierung der lernersprachlichen Datensätze mit Ergebnissen aus Unterrichtsbeobachtungen soll zeigen, ob respektive wie real stattfindender Fremdsprachenunterricht die lernersprachlichen Entwicklungsverläufe unterstützt oder diese ggf. konterkariert. Durch diese Herangehensweise versucht das Projekt auch einen Beitrag zur internationalen Diskussion des inert knowledge problem im gesteuerten Spracherwerb zu leisten und die Bereitschaft zum Dialog zwischen Forschung und schulischer Praxis zu fördern und zu stärken.

Rechte im Strafrecht

Elias Moser, Philipp-Alexander Hirsch

Nach gängiger strafrechtlicher Auffassung ist die Einhaltung der Rechtspflichten nicht den durch das Recht geschützten Personen geschuldet, sondern dem Staat. Die Strafrechtstheorie sieht die Individuen also nicht als Inhaber*Innen normativer Ansprüche gegenüber anderen Individuen, sondern eher als Nutznießende der Beschränkungen. Dies ist primär auf zwei Ursachen zurückzuführen: Einerseits wird von Theoretiker*Innen häufig die sog. Rechtsgutslehre als Grundlage der Kriminalisierung gesehen. Dabei wird die moralische Bedeutung eines Schadens nicht auf eine Verletzung der normativen Stellung einer Person mit intersubjektiven Ansprüchen zurückgeführt. Andererseits vertreten v. a. Rechtsgelehrte im deutschsprachigen Raum oft ein enges theoretisches Verständnis von Rechten, die sog. ‚Willenstheorie der Rechte‘. Die Theorie geht davon aus, dass Begünstigte von Pflichten nur dann Rechte haben, wenn sie die Befugnis besitzen, eine Entschädigung für die Verletzung der Pflichten selbst einzufordern.

In diesem Projekt argumentieren wir, dass es entgegen dieser beiden vorherrschenden Auffassungen argumentativen und theoretischen Raum gibt, um zu aufzeigen, dass individuellen Rechten eine zentrale Rolle im Strafrecht zukommen. Ziel des Projekts ist es, die Frage nach der Möglichkeit, der Natur und den normativen Implikationen subjektiver Rechten im Strafrecht zu stellen: Ist die Verletzung von Rechten der Grund für die Kriminalisierung eines Verhaltens? Wem schulden Rechtsunterworfene die Einhaltung strafrechtlicher Bestimmungen? Die Untersuchung kann in zweierlei Hinsicht unser rechtstheoretisches und rechtsethisches Verständnis des Strafrechts schärfen.

Deskriptive Implikationen: Der Ansatz könnte einen Erklärungsrahmen für die Einwilligung in Rechtsverletzungen bieten. Die Möglichkeit, ein Verhalten mit Zustimmung zu erlauben, macht die normative Stellung einer Person zu einer zentralen Erklärungsfunktion in der Strafrechtslehre.

Normative Implikationen: Der Ansatz bietet eine alternative Betrachtungsweise für die Kriminalisierung von Verhalten. Es gibt eine moralische Bedeutung von Verbrechen, die in der Verletzung der individuellen Autonomie besteht. Daher kann die Frage, was eine Handlung zu einem Unrecht macht, von der Einbeziehung subjektiver Rechte in die Strafrechtstheorie profitieren. Zudem kann der Rekurs auf subjektive Rechte im Strafrecht einen normativen Rahmen für neue Elemente der Strafverfolgung (z. B. verfahrensrechtliche Opferrechte) und der Wiedergutmachung von Straftaten (z. B. Ansätze der sog. ‚restorative justice‘) liefern.

Dieses Projekt soll als Internationale Zusammenarbeit zwischen der  Universität Graz und dem Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht im Rahmen des WEAVE-Programms (Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF und Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG) für eine Laufzeit von 3 Jahren angesucht werden.

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2021 wurde an vier Forschungsvorhaben vergeben:

  • LAMPRECHT, Gerald: Remigration von jüdigen Emigrant_innen und Holocaustüberlebenden nach Österreich
  • MEER, Rudolf: Sentio, ergo sum et est. Alois Riehls kritischer Realismus
  • SCHMÖLZER-EIBINGER, Sabine: ONTOGENESE WISSENSCHAFTLICHER TEXTKOMPETENZ, Zur Rolle expliziter Sprachförderung beim wissenschaftlichen Schreiben
  • ZECHNER, Ingeborg: Digitale Edition der Wiener Theaterchroniken von Philipp Gumpenhuber der Jahre 1758 bis 1763
Remigration von jüdischen Emigrant_innen und Holocaustüberlebenden nach Österreich
Gerald LAMPRECHT

Das geplante Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Remigration von im Nationalsozialismus vertriebenen und als jüdisch verfolgten Österreicher_innen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, im speziellen in den ersten 10 Jahren nach Kriegsende. Über 200.000 Österreicher_innen verloren während der NS-Herrschaft ihre Heimat, flüchteten ins inner- und außereuropäische Ausland oder wurden von den Nationalsozialisten verschleppt und in Lager gesperrt, über 60.000 von ihnen starben in den Konzentrationslagern. Von der 1938 etwa 170.000 Personen zählenden jüdischen Bevölkerung überlebte in Österreich nur ein kleiner Bruchteil. Ein noch erheblich kleinerer Teil – wenige tausende – entschloss sich in den Jahren nach Kriegsende, nach Österreich zurückzukehren, um hier entweder erneut eine Existenz aufzubauen, um rechtliche oderfinanzielle Angelegenheiten zu regeln und ihren rechtmäßigen Besitz wiederzuerlangen, oder eine Ausbildung in der Muttersprache zu absolvieren. In Österreich fanden die Remigrant_innen neben zerstörten Gemeinden und Existenzen auch eine vielerorts feindselige Umgebung vor und dazu Regierungen, die einer Heimkehr der Vertriebenen ebenso ablehnend gegenüberstanden, wie der Restitution geraubten Eigentums und Entschädigungen für erlittenes Unrecht.

Übergeordnetes Ziel des Projektes ist es, ein Gesamtbild der Remigration von vertriebenen jüdischen Österreicher_innen unter der Berücksichtigung der im Folgenden genannten Gesichtspunkte zu schaffen: die Rahmenbedingungen einer Remigration und die praktische Umsetzung ebendieser, die Beschreibung und Untersuchung der diversen Gruppe der Remigrant_innen und deren durchaus unterschiedlichen Erfahrungen, die Ebene der Lebenswelten und Erfahrungen dieser Remigrant_innen, deren persönliche Motivationen und die Thematik der öffentlichen Diskurse und Rezeptionen innerhalb der Gesellschaft Österreichs.

Angesichts der breit gefächerten Materie von rechtlichen Grundlagen bis zu persönlichen Erfahrungen wird es nötig sein, einen interdisziplinären Ansatz zu wählen, um das Thema unter den verschiedenen Gesichtspunkten zu beleuchten. Dieser multiperspektivische Ansatz beinhaltet eine grundlegende Quellenrecherche in nationalen und internationalen Archiven, um die bereits genannten Rahmenbedingungen und deren praktische Durchführung rekonstruieren zu können. Darauf aufbauend beinhaltet der Ansatz die Verwendung persönlicher Erinnerungen in jeglicher Form sowie Medien des öffentlichen Diskurses.
Sentio, ergo sum et est. Alois Riehls kritischer Realismus
Rudolf MEER

Die Frage, wie wir über eine bewusstseinsunabhängige Wirklichkeit Wissen erlangen können, wird in der gegenwärtigen analytischen Philosophie intensiv und vielseitig diskutiert. Dabei ist der Beitrag Alois Riehls bisher fast gänzlich unberücksichtigt geblieben, obwohl dieser am Ende des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in seinem dreibändigen Werk Der Philosophische Kritizismus eine elaborierte Philosophie des Realismus entwirft, in der er sowohl einen Realismus raumzeitlicher Gegenstände, einen mathematischen Realismus, einen wissenschaftlichen Realismus und einen moralischen Realismus systematisch verbindet.

Um den Philosophischen Kritizismus wieder zu einem immanenten Bestandteil der aktuellen Forschung zu machen, ist es entscheidend, Riehls Kritizismus in seinen vielfältigen Verflechtungen mit den naturwissenschaftlichen Entwicklungen am Ende des 19. Jahrhunderts zu analysieren. Dafür werden zwei Forschungsmethoden kombiniert: ein historisch-kritischer und ein systematischer Ansatz.

Im Zuge des Projekts wird zudem das dreibändige Hauptwerk in der Reihe Philosophische Bibliothek des Meiner-Verlags neu ediert. Bis dato unveröffentlichte historische Quellen, wie der Briefverkehr mit Heinrich Rickert, Friedrich Jodl, Bartholomäus von Carneri, Hugo Münsterberg, Wilhelm Wundt, Eduard Spranger, Ernst Mach und Hans Vaihinger sowie die Aktenmaterialien der Universitäten Graz, Wien, Freiburg, Halle, Kiel und Berlin, werden dabei einen kritischen Zugang zum Text ermöglichen. Diese Studienausgabe wird eine profunde Grundlage für eine erste umfassende englischsprachige Übersetzung bieten.

Ontogenese wissenschaftlicher Textkompetenz – eine genrebasierte longitudinale Interventionsstudie

Sabine SCHMÖLZER-EIBINGER

Obwohl wissenschaftliche Textkompetenz im internationalen Kontext schon seit den 1970er-Jahren intensiv untersucht wird, ist das Wissen darüber, wie sie sich entwickelt, nach wie vor sehr bruchstückhaft. Die verfügbaren longitudinalen Studien beruhen allesamt auf Daten, die nicht unter kontrollierten Bedingungen gewonnen wurden. Insofern sind die Erkenntnisse zur Ontogenese wissenschaftlicher Textkompetenz, die aus diesen Daten abgeleitet wurden, nur bedingt dazu geeignet, kausale Aussagen über die Bedingungen zu treffen, die für einen Erwerb wissenschaftlicher Textkompetenz förderlich sind. Auf der anderen Seite stehen Interventionsstudien, deren Erkenntnisse zwar unter experimentellen oder quasi-experimentellen Bedingungen gewonnen wurden, die aber ihrerseits nur wenig über die Entwicklung wissenschaftlicher Textkompetenz aussagen, da die ihnen zugrundeliegenden Datenerhebungen nur sehr kurze Zeiträume umfassen.

Im beantragten Projekt wird das Ziel verfolgt, einen Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke zu leisten. Zu diesem Zweck soll anhand einer Stichprobe von n=240 SchülerInnen eine longitudinale Interventionsstudie zur Förderung wissenschaftlicher Textkompetenz in der Sekundarstufe 2 durchgeführt werden, die sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckt. Die longitudinale Intervention dient als Vorbereitung auf die Vorwissenschaftliche Arbeit und basiert auf genrebasierten Modellen zur Förderung wissenschaftlicher Textkompetenz, die in den letzten Jahrzehnten weltweit zu den meistrezipierten Ansätzen in der Didaktik des wissenschaftlichen Schreibens gehören. Im Rahmen der Studie werden die Effekte von drei unterschiedlichen genrebasierten Treatments auf die abhängigen Variablen Wissenschaftliche Textqualität, Schreibmotivation und Transfer im Rahmen von latenten Wachstumskurvenmodellen untersucht. Insgesamt kann die Studie dadurch nicht nur zeigen, wie sich die wissenschaftliche Textqualität und die Schreibmotivation unter dem Einfluss unterschiedlicher genrebasierter Schreibfördermaßnahmen über einen Zeitraum von drei Jahren entwickeln, sondern auch ob und inwiefern die im Rahmen der Intervention erworbenen Kompetenzen auf das Genre der Vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA) transferiert werden können.
Digitale Edition der Wiener Theaterchroniken von Philipp Gumpenhuber für die Jahre 1758 bis 1763
Ingeborg ZECHNER

Die handschriftlich und in französischer und italienischer Sprache überlieferte Theaterchronik des Wiener Hoftänzers, Choreographen und Ballettmeisters Philipp Gumpenhuber (1706–1770) stellt eine der bedeutendsten Quellen für die Kultur- und (Musik)-theatergeschichte Wiens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dar. Die von Giacomo Durazzo in Auftrag gegebene Chronik erfasst für Burg- und Kärntnertortheater in den Jahren 1758–1759 und 1761–1763 u.a. den Spielplan, den Probenbetrieb sowie die Darsteller und das Personal der beiden Theater, gibt aber auch Hinweise zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen in Zusammenhang mit dem Spielbetrieb.

Das Projekt befindet sich methodisch an der Schnittstelle zwischen Digital Humanities und Historischer Musikwissenschaft und zielt darauf ab, eine innovative, wissenschaftlich-kritische Edition der Theaterchronik mittels XML-Codierung auf Basis des TEI-Standards (Text Encoding Initiative) zu erstellen. Diese Edition wird öffentlich und digital einem breiten Adressatenkreis auf einer entsprechenden virtuellen Plattform zugänglich gemacht werden. Dabei werden die Digital Humanities als Methode begriffen, die es ermöglicht  aus dieser digitalen Edition neue wissenschaftliche sowie interdisziplinär nutzbare Erkenntnisse über das Wiener Theaterwesen des 18. Jahrhunderts zu gewinnen, die durch traditionelle historische Methoden in dieser Art und Weise bislang nicht erlangt werden konnten.

Das Projekt wird beim Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) als Einzelprojekt eingereicht und in einer interdisziplinären Kooperation zwischen dem Institut für Musikwissenschaft und dem Institut/Zentrum für Informationsmodellierung durchgeführt.

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2020 wurde an drei Forschungsvorhaben vergeben: 

  • KARL, Stephan: Der Produktionszyklus der ostalpinen Marmore zur Römerzeit
  • KUJAMÄKI, Pekka: Österreich besetzt – translatorische Perspektiven
  • RINOFNER, Sonja: Wert(ungs)erfahrung im Wandel der Zeiten: Ein phänomenologisch begründeter Wertrealismus
Der Produktionszyklus der ostalpinen Marmore zur Römerzeit
Stephan KARL
Die Marmorressourcen im Südostalpenraum sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Entstehung und Entwicklung einer lokalen Bildhauerkunst in Noricum. Ein reiches archäologisches Erbe von Steindenkmälern zeugt von der Wertschätzung dieser Marmore gleich zu Beginn der römischen Eingliederung des Regnum Noricum. Die ostalpinen Marmorvorkommen wurden in verschiedenen Steinbrüchen in Kärnten, der Steiermark und Slowenien abgebaut, einige davon mit gut erhaltenen Spuren der Abbautechnik und Infrastruktur. In den letzten zwei Jahrzehnten haben geowissenschaftliche Methoden zur Bestimmung der Marmorherkunft von Steinobjekten das Studium des provinzialrömischen Kunstschaffens gefördert und ein Forschungsfeld eröffnet, das sich speziell mit dem Produktionszyklus der ostalpinen Marmore befassen kann. Dieser Zyklus beginnt mit dem Abbau des Marmors und endet mit dem fertigen Produkt am jeweiligen Standort, einschließlich aller Zwischenschritte wie dem Steintransport oder der Steinmetzarbeit in Steinbruchrevieren oder in Werkstätten.
Die aktuellen Untersuchungen im Marmorsteinbruchrevier Spitzelofen werfen ein wertvolles Licht auf den Beginn dieses Produktionszyklus, eröffnen jedoch viele Fragen in Bezug auf die Organisation der Versorgung mit ostalpinen Marmoren im Allgemeinen. Es zeigt sich, dass neben den bisher durchgeführten geowissenschaftlichen Marmoranalysen die endgültige Identifizierung der Steinbruchreviere oder Steinbrüche und ihrer Produkte schlussendlich von archäologischen Untersuchungen abhängt, die in enger Zusammenarbeit mit Geologen durchgeführt werden.
Ziel des interdisziplinären Projekts, das als Einzelprojekt beim FWF eingereicht wird, ist es, die lokale und regionale Verwendung der ostalpinen Marmore für ein besseres Verständnis des Produktionszyklus zu untersuchen. Anhand von ausgewählten Mikroregionen und römischen Städten im südlichen Noricum werden Fragen zum Ausmaß und Umfang der Steinbruchzonen, zu den Transportwegen, zu den Werkstätten und zu den formalen Merkmalen der Produkte gestellt.
Österreich besetzt – translatorische Perspektiven
Pekka KUJAMÄKI
Gegenstand des Projekts ist die Mehrsprachigkeit Österreichs in der Zeit der Besatzung (1945–1955) und vor allem die im Rahmen der Alliierten Kontrolle entstandenen translatorischen Räume mit ihren translationspolitischen Dimensionen. Darüber hinaus setzt sich das Projekt zum Ziel, auf die Handlung und den Lebenslauf von Personen einzugehen, die in den translatorischen Räumen der einzelnen Sektoren eine kommunikative Brücke verkörpert, gleichzeitig aber den Raum durch ihr Handeln auch geprägt haben.
Als übergeordnetes Ziel widmet sich das Projekt der Verortung, Beschreibung und Analyse der im Rahmen der österreichischen Besatzungszeit entstandenen translatorischen Räume. Darunter sind Räume der Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte zu verstehen, deren sprachlich-kulturelles Fremdheitspotential die Kommunikation zwischen den einzelnen Parteien (z.B. „Besatzungsmacht“ und „Besetzten“) herausforderte und in denen folglich eine Abhängigkeit von vermittelnden Personen (prototypisch „Dolmetscher/innen“ oder „Übersetzer/innen) anzunehmen ist. Die Grundannahme ist, dass durch die Analyse ihrer kommunikativen und translationspolitischen Dimensionen das Projekt das Potenzial aufweist, eine zusätzliche Perspektive in die soziale und kulturelle Dynamik der historischen Periode zu eröffnen.
Grundlage für die Beschreibung von translatorischen Räumen in den einzelnen Sektoren bietet der dreidimensional aufgefasste Begriff der Translationspolitik, mit dem die konkrete translatorische Praxis mit ihren etablierten oder ad-hoc-Ausprägungen sowie Formen des Managements, d.h. die durch Militär- oder Zivilverwaltung bestimmten Anweisungen und personellen Ressourcen erfasst werden sollen. Darüber hinaus wird, insofern aus den Archivquellen ersichtlich, auch den Auffassungen über die Notwendigkeit und den Stellenwert des Übersetzens und Dolmetschens mit ihren diskursiven Unterschieden in den vier Besatzungssektoren nachgegangen.
Die Makroanalyse der Translationspolitik wird mit mikroanalytischen Fallstudien verbunden, mit denen einzelne, translatorisch repräsentative Hot Spots der Besatzungszeit einer dichten Beschreibung unterzogen werden sollen. Aufmerksamkeit soll dabei auf die Handlungsbereitschaft und -fähigkeit (Agency) einzelner Akteur/innen sowie auf ihren Lebensweg vor und nach der Besatzungszeit gerichtet werden. Ein besonderer Wert kommt dabei den schriftlichen und mündlichen Erinnerungen (Biographien, Oralhistorie) zu, weil sie das Potential haben, persönliche (ideologisch, ökonomisch oder affektiv geprägte) Motivationen aufzuzeigen. Es entsteht eine Perspektivenvielfalt, die die Motivationen des Projekts widerspiegelt: Von Interesse sind die strukturellen Merkmale der translatorischen Räume sowie die Handlungen der Akteur/innen in diesen, wobei jeweils auch zwischen formellen bzw. offiziellen Ebene (z.B. Kooperation zwischen den einzelnen Besatzungskräften; Kommunikation zwischen Kontrollbehörden und der Ziviladministration) und der informellen Ebene (z.B. Begegnungen der Soldaten mit Zivilist/innen jenseits militärischen und offiziellen Strukturen) zu unterscheiden ist.
Wert(ungs)erfahrung im Wandel der Zeiten: Ein phänomenologisch begründeter Wertrealismus
Sonja RINOFNER
Das geplante Forschungsprojekt umfasst einen grundlagentheoretischen und einen anwendungsbezogenen Teil. Mit Bezug auf die Grundlagentheorie setzt es auf zwei Ebenen an. Zum einen wird im Rahmen von Edmund Husserls phänomenologischer Intentionalitätstheorie die inhärente rationale Struktur von Wertungserfahrungen (axiologischen Erfahrungen) untersucht. Dies geschieht mit der Zielsetzung, die in verschiedenen Gegenstandsbereichen (z. B. Ethik, Ästhetik, Erkenntnistheorie) vorliegenden Wert(ungs)aspekte gemäß einer moderat-kognitivistischen Theorie der Werterfassungserlebnisse („Wertnehmungen“) auf Basis einer Analogisierung von sinnlicher Wahrnehmung und Wertnehmung darzustellen und ihre Funktionalität im Rahmen einer einheitlichen Systematik zu erklären. Zum anderen wird auf aktuelle metaethische Debatten Bezug genommen und nach typischen Formen eines axiologischen Realismus bzw. Anti-Realismus und den zugehörigen Argumenten und Begründungen gefragt. In Abgrenzung von herkömmlichen Realismus-Positionen wird ein neuer, phänomenologisch begründeter axiologischer Realismus konzipiert. Dessen Verteidigung unterminiert die Dialektik üblicher Gegnerschaften (z. B. Werteplatonismus vs. Expressivismus, Illusionstheorie u. dgl.). Weder ein ontologisch fundierter starker Objektivismus noch ein starker Subjektivismus kann auf phänomenologischer Basis gerechtfertigt werden. Der phänomenologisch begründete axiologische Realismus stellt demgegenüber eine moderate Position dar, welche einerseits eine adäquate Analyse unseres alltäglichen Wertungsverhaltens ermöglicht und andererseits die philosophischen Ansprüche einer Einbettung der Wertungsanalyse in eine umfassende phänomenologische Theorie der Vernunft erfüllt, welche intentionale Gefühle (als Träger von Wertnehmungen) inkludiert.
Wertnehmungen unterliegen Veränderungen, die aus veränderten Lebensumwelten resultieren. Der anwendungsbezogene Teil des Forschungsprojektes befasst sich mit der Kontextsensitivität von Wertrealisierungen und dem Perspektivismus von Werterfassungen, welcher nicht mit einem umfassenden Werterelativismus gleichzusetzen ist. Die zugehörigen Forschungsfragen gehen von der Annahme aus, dass Kontextsensitivität und axiologischer Perspektivismus näher untersucht werden können, indem nach dem Zusammenspiel dreier Faktoren gefragt wird: Imagination („Vorstellungskraft“), Emotion und Technologie. Mit Blick auf faktische Veränderungen und Veränderungspotentiale ist insbesondere letztere ein gewichtiger Faktor. Technologien verändern nicht nur den Umgang mit der gegebenen Wirklichkeit, sondern auch das Wirklichkeitsverständnis derer, welche diese Technologien erfinden, gestalten und anwenden. Was tragen neue, technologisch basierte (modellierte, assistierte usw.) Wert(ungs)erfahrungen zur Bestätigung, Qualifizierung und Entgrenzung bisheriger Auffassungen von Wirklichkeit bei? Wie ändern sich umgekehrt in einer hochgradig technologisch gestalteten Umwelt Qualität, Reichweite und Geltungsanspruch axiologischer Erfahrungen?

 

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2019 wurde an fünf Forschungsvorhaben vergeben: 

  • HORVÀTH, Levente: Die Entwicklung der Grenzregion zwischen der heutigen Steiermark und Ungarn von 907 bis 1526
  • LEHNER, Manfred: Pagane Höhenheiligtümer der späten römischen Kaiserzeit am Südostalpenrand
  • PAULO, Norbert: Empirisch informierte Moralepistemologie
  • TAUSEND, Klaus: Krieg und Ritual in den spätbronzezeitlichen Kulturen des östlichen Mittelmeerraumes
  • WINSLOW, Sean Michael: Madgwas: Datenbank für äthiopische Einbanddekoration
Die Entwicklung der Grenzregion zwischen der heutigen Steiermark und Ungarn von 907 bis 1526
Levente HORVÀTH
Die heutige Steiermark, insbesondere die Oststeiermark, stellte in der mittelalterlichen Epoche seit der ungarischen Landnahme (seit 894 fassbar) eine Grenzregion zum ungarischen Fürstentum und späterem Königreich dar. Die politische Grenze war während der mittelalterlichen Epoche dynamisch, als Eckdaten für eine Untersuchung bieten sich zwei große Zäsuren an: Die Schlacht bei Pressburg im Jahr 907, die zu Gebietsverlusten des Ostfränkischen Reiches führte und die Schlacht bei Mohács, nach der das Königreich Ungarn nominell an die Habsburger fiel, zum Großteil aber vom osmanischen Reich kontrolliert wurde.
Es ist grundsätzlich zu erwarten, dass diese Grenzsituation an der materiellen Kultur und an der mittelalterlichen Siedlungslandschaft der (Ost-)Steiermark ihre Spuren hinterlassen hat. Insbesondere zur Entwicklung der Siedlungslandschaft hat die historische Forschung einigermaßen detaillierte Thesen vorgelegt, die sich hauptsächlich auf die Urkundensituation und Überlegungen der Ortsnamensforschung stützen. Lücken in der schriftlich fassbaren Siedlungslandschaft sowie die scheinbar plötzliche Aufsiedlung mancher Regionen wurden vor allem mit Kausalitäten aus der Ereignisgeschichte erklärt. Diese von der historischen Forschung des 20. Jahrhunderts erarbeiteten Thesen wurden in den vergangen Jahrzehnten im Wesentlichen wiederholt rezipiert, allerdings wurde die Problematik der mittelalterlichen Siedlungslandschaft im Lichte dieser Grenzsituation bislang kaum mit archäologischen Forschungsansätzen untersucht. Damit ist das Quellenpotential dieser Forschungsthematik noch bei weitem nicht ausgereizt.
Das geplante Projekt soll somit die Frage beleuchten, wie sich der wie sich der Grenzraum zwischen der heutigen Steiermark und Ungarn im Mittelaltalter entwickelt hat. Die geplante Untersuchung ist in erster Linie als ein Siedlungs- und Landschaftsarchäologisches Projekt angelegt. Neue Ansätze sollen über die Einbindung von archäologischen Daten sowie durch archäologisch-topographische Überlegungen erlangt werden. Für die Akquirierung zusätzlicher Daten sollen sowohl Methoden der archäologischen Fernerkundung (u. a. Auswertung von ALS-Daten) zum Einsatz kommen, als auch punktuelle Feldbegehungen durchgeführt werden. Bereits vorhandene und neu erarbeitete Daten sollen in eine Geoinformationssystem-kompatible Datenbank eingespeist und mit entsprechender GIS-Software weiter ausgewertet werden. Diese Arbeitsschritte sowie eine kritische Reflexion althergebrachter Thesen sollen das Bild der mittelalterlichen Grenzsituation in der heutigen Steiermark ergänzen beziehungsweise eine Neubetrachtung ermöglichen.
Pagane Höhenheiligtümer der späten römischen Kaiserzeit am Südostalpenrand
Manfred LEHNER
Ausgangspunkt der Projektidee ist das seit 2015 von der Universität Graz archäologisch erforschte römisch-spätantike Heiligtum am Schöckl-Ostgipfel (1423 m. ü. M.). Der Habitus des Opferplatzes entspricht eindeutig einer römisch paganen Kultpraxis. Die Hauptfrage des Projektvorhabens ist, ob der Schöckl eine Ausnahmeerscheinung darstellt oder ob auf vielen der südostalpinen Inselberge mit altbekannten römischen Einzelfunden solche Heiligtümer zu erwarten sind. Ein guter Forschungsstand zur Thematik besteht bisher vor allem an Rhein und Donau und da vor allem im stadt- und zentrumsnahen Umfeld (v.a. Trier). Daran schließt sich die Frage, ob das Phänomen römischer Höhenheiligtümer „imperiumsweit“ zu beobachten ist oder ob pagane Höhenheiligtümer des 3. und 4. Jahrhunderts „provinzielle“ Regionalerscheinungen sind. Hochalpine Höhenheiligtümer (Schlern, Hochtor, Großer St. Bernhard) stehen häufig im Gefolge prähistorischer Brandopferplätze oder liegen bei Passstationen römischer Alpentransversalen. Bei ostalpinen Plätzen (Dachstein, Steiner Alpen, Koralpe) ist die Diskussion um die Interpretation zwischen Almwirtschaft und Höhenheiligtum im Gange. Erstmals kann nun anhand der Schöcklbefunde ein dezidiertes Höhenheiligtum der fortgeschrittenen Kaiserzeit im Südostalpenraum ausgewertet werden. Eine mikroregionale bzw. in einem weiteren Schritt makroregional angelegte Studie kann die traditionelle Denkart zu solchen Phänomenen in anderen Gegenden des Römischen Imperiums, wo sie oft als lokale Sondererscheinungen klassifiziert werden, aufschnüren helfen. Im Laufe des vorerst auf 2 Jahre ausgelegten Projekts können Fragen zur Vor- und Nachnutzung der Plätze, zur baulichen und infrastrukturellen Ausstattung, zur durchlaufenden oder saisonalen Nutzung, zur Einwirkung ortstypischer Naturerscheinungen auf den Kult, zum Verhältnis zum frühen Christentum, zum Hin und Her zwischen kultischer und militärischer Nutzung von Aussichtslagen, zum Einzugsbereich und zur Genderthematik der Weihenden, zum Verhältnis zu gleichzeitigen Siedlungszentren, nach Unterschieden zu stadtnah gelegenen Heiligtümern und auch zu den wirtschaftlichen Grundlagen gestellt werden. Es kommen neben den relevanten archäologischen Methoden (Prospektion, Stratigrafie, Vergleichsanalyse, Darstellung als GIS-Projekt etc.) auch die facheinschlägigen Methoden der heranzuziehenden NaWi-Disziplinen (Datierung, Archäozoologie, Paläobotanik, Materialanalyse, Geologie/Mineralogie) zum Einsatz. Attraktivster Punkt der Disseminationsstrategien ist eine außerhalb des Projekts finanzierte, aber während der Projektlaufzeit 2020 stattfindende Sonderausstellung zu den Schöcklfunden am Universalmuseum Joanneum. Eine Gesamtpublikation der Ergebnisse erfolgt nach Projektende getrennt von einer rein archäologischen Schöckl-Grabungspublikation.
Empirisch informierte Moralepistemologie
Norbert PAULO
Die philosophische Ethik bezieht sich vielfach auf Intuitionen über die moralische Beurteilung von Einzelfällen, die man empirisch untersuchen kann. Ethiker_innen versuchen jedoch nicht bloß zu verstehen, warum wir diese oder jene Intuitionen haben; sie wollen herausfinden, welche Prinzipien diese Intuitionen erklären und systematisieren können. Welche Rolle empirische Forschung in diesem Rechtfertigungsprozess genau spielen kann, ist umstritten.
Die gegenwärtig einflussreichste Theorie moralischen Urteilens gründet in der Einsicht, dass die meisten moralischen Urteile nicht langsam, bewusst und kontrolliert-rational gefällt werden, sondern schnell, unbewusst und intuitiv. Werden für das Urteil ex post Gründe angeben, dann sind dies oftmals rationalisierende Rechtfertigungen dieser Urteile. Ganz in der Tradition der behavioral economics werden empirische Befunde bisher zumeist herangezogen, um zu demonstrieren, dass die Verlässlichkeit moralischer Intuitionen geringer und der unbewusste Einfluss der anderen Faktoren größer ist als von den Philosoph_innen selbst angenommen. So wird bspw. argumentiert, dass unbewusste und moralisch irrelevante Faktoren – etwa Ekelgefühle durch eine schmutzige Umgebung oder die räumliche Nähe bzw. Ferne zu einem Menschen in Not – viele moralische Intuitionen determinieren, ohne dass dies den Urteilenden selbst ersichtlich wäre. Diese moralischen Intuitionen können durch evolutionstheoretische Erklärungen unterminiert werden und verlieren somit ihre moralepistemische Glaubwürdigkeit.
Einige Philosoph_innen argumentieren aufgrund der genannten empirischen Befunde dafür, dass Moraltheorien gar nicht unter Bezugnahme auf moralische Intuitionen gerechtfertigt werden sollten. Dies ist eine ernsthafte Herausforderung für alle ethischen Methoden, die Intuitionen über Einzelfälle epistemische Bedeutung zuschreiben. Im Gegensatz zu solchen „restriktiven“ Positionen verfolgt mein Projekt ein konstruktives Ziel: Es wird versucht, die Einsichten der experimentellen Ethik, Moralpsychologie und Kognitionswissenschaften zu nutzen, um ein besseres, empirisch informiertes Verständnis der Konstruktion und Begründung von Moraltheorien zu entwickeln.
Dies geschieht in drei Schritten: Der erste Schritt besteht in einer umfassenden Sammlung der empirischen Erkenntnisse über Intuitionen über moralische Einzelfälle. Der zweite Schritt ist dann die Entwicklung eines „epistemischen Profils“ des Rawls’schen Überlegungsgleichgewichts, das auf den zuvor gesammelten Erkenntnissen beruht. Auf dieser Grundlage wird im dritten Schritt eine neue kasuistische Methodologie für die Ethik entwickelt, die ein besseres „epistemisches Profil“ aufweist.
Krieg und Ritual in den spätbronzezeitlichen Kulturen des östlichen Mittelmeerraumes
Klaus TAUSEND
Die Zeit zwischen 1400 und 700 v. Chr. war in allen Gebieten des östlichen Mittelmeerraumes, in Griechenland, Kleinasien, Vorderasien und Ägypten, von vielen Umbrüchen und Veränderungen – meist kriegerischer Natur – geprägt. In einer Zeit, in der kultische und rituelle Praktiken noch einen ungleich höheren religiösen, gesellschaftlichen und sogar politischen Stellenwert hatten, ist zu erwarten, dass man in all diesen Gebieten auf solche Veränderungen kultisch und rituell reagiert hat. In erster Linie gilt dies für den durch Riten dominierten Bereich des Krieges. Es soll daher untersucht werden, ob in den einzelnen Kulturräumen eine veränderte Weltbeziehung feststellbar ist, ob solche allfälligen Änderungen mit den aufgezeigte Umbrüchen in Zusammenhang gebracht werden können, und schließlich, worin die Veränderungen in der religiösen Praxis bestanden. Viele von diesen Veränderungen ereigneten sich zeitgleich und sind auf gemeinsame oder zumindest verwandte Ursachen zurückzuführen. Es soll daher festgestellt werden, ob Umwälzungen, die durch ähnliche Vorgänge verursacht wurden, auch ähnliche Reaktionen auf dem Gebiet der religiösen Praxis hervorgerufen haben, und ob solche vergleichbaren rituellen Veränderungen unabhängig voneinander sich einstellten, oder aber aufgrund wechselseitiger Beeinflussungen. Es soll also der Frage nachgegangen werden, ob Ereignisse, welche zum Teil die gesamte Welt der Hochkulturen erschüttert und in der einen oder anderen Weise verändert haben, auch auf kultisch-rituellem Sektor vergleichbare Spuren hinterlassen haben.
Madgwas: Datenbank für äthiopische Einbanddekoration
Sean Michael WINSLOW
Äthiopien beheimatet die einzige noch bestehende, ununterbrochene Tradition christlicher Handschriftenproduktion. In dem Land, das aufgrund geopolitischer und religiöser Faktoren fast 700 Jahre isoliert war, blieben viele Praktiken aus dem Mittelalter wie die Herstellung von Pergamentmanuskripten erhalten. Die daraus entstandenen Handschriften sind ein in der Forschung bisher kaum untersuchter Bestandteil der breiteren europäischen bzw. mediterranen Manuskripttradition. Ressourcen zur Datierung und Beschreibung äthiopischer Handschriften sind im Vergleich zu ihren europäischen Entsprechungen unzureichend vorhanden.
Ziel dieses beim FWF im Rahmen des Independent Researcher Programms zu beantragenden Projektes ist die Entwicklung einer Datenbank zur Identifizierung, Katalogisierung und Datierung von
äthiopischen Buchbindewerkzeugen und Einbanddekorationen. Die Madgwas-Datenbank, benannt nach dem äthiopischen Wort für einen Prägestempel, soll eine erweiterbare Ressource sein, die es durch den Einsatz semantischer Technologien ermöglicht, Relationen zwischen einer großen Anzahl von Werkzeu-gen und dekorativen Mustern sowie individuellen Manuskripten herzustellen und zu visualisieren. ForscherInnen soll es aber auch ermöglicht werden bestimmte Stile oder Techniken zu ermitteln, die eine zeitliche Einordnung der Manuskripte erlauben.
Das Projekt wird die zunehmende Bereitstellung von digitalen Faksimiles durch internationale Biblio-theken über die Schnittstellen des International Image Interoperability Framework (IIIF) nutzen, was neben dem Einsatz eines RDF Datenmodells und eines Triple Stores zur Datenhaltung die Verknüpfung mit domänenspezifischen Web Ontologien wie auch weiteren Projekten der Äthiopistik oder der Kodikologie ermöglicht.

 

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2018 wurde an vier Forschungsvorhaben vergeben: 

Importierte attische Keramik im Cyprus Museum (Nikosia) von der Zypro-archaischen bis zur Zypro-klassischen Zeit
Maria CHRISTIDIS
Attische Keramik gehörte, aufgrund der Bemalung und der Qualität des Tons, zu der beliebtesten Gattung antiker Gefäße. Zu Beginn des 6. Jhs. v. Chr. festigte Athen sein Monopol auf keramische Feinwaren, die es in den gesamten Mittelmeerraum exportierte: nach Italien, Frankreich, Spanien, Ägypten, Libyen, an das Schwarze Meer und auf die Halbinsel Krim, aber auch in das Achämeniden-Reich. Die attische Keramik erreichte auch Zypern.
Ziel dieses Projektes ist es, nach der genauen Untersuchung der Keramik, den oben genannten Prozess zu untersuchen und zu dokumentieren.
Hierzu gehört die Suche nach den Anfängen des Imports der attischen Keramik auf der Insel, die Quantität der Keramik, deren geographische Verteilung, die Verwendung (Siedlung, Heiligtum, Grab) und die Qualität der Gefäße. Durch dieses Projekt wird das Material alter Ausgrabungen zusammen mit der neugefundenen Keramik dokumentiert, so dass ein vollständiges Bild über die Importe in Zypern vorgelegt werden kann.
Importierte attische Keramik ist regional unterschiedlich gut erforscht, wobei das Gebiet des östlichen Mittelmeers nach wie vor ein Stiefkind der attischen Keramikforschung ist.
In den letzten Jahren sind Publikationen von neuen Fundorten (Iberische Halbinsel, griechisches Festland etc.) erschienen, aber derzeit praktisch keine aus Zypern, weshalb das Projekt in Zypern auch von großer Bedeutung für die Erforschung der attischen Keramik innerhalb des östlichen Mittelmeerraumes ist.
Legitime Erwartungen: Klimawandel und Unsicherheit
Pranay SANKLECHA
Sowohl unsere Pläne als auch deren Erfolg hängen wesentlich von unseren Erwartungen an die Zukunft ab. Werden diese Erwartungen enttäuscht, schadet uns dies deshalb oftmals. Die normative Relevanz solcher Schädigungen scheint stark zu variieren. Wenn ich einem Freund verspreche, ihn am Flughafen abzuholen, jedoch nicht auftauche, schulde ich ihm eine Erklärung, eine Entschuldigung oder irgendeine andere Form der Kompensation. Schließlich war seine Erwartung, von mir abgeholt zu werden, legitim. Keine normative Relevanz scheint hingegen der Erwartung eines Einbrechers zuzukommen, nicht ertappt zu werden. Diese Erwartung ist illegitim.
Das Problem legitimer Erwartungen tritt in den verschiedensten Kontexten auf, vom öffentlichen Recht über Fragen der Migration und territorialer Rechte bis hin zu Debatten über die normative Autorität von Staaten. In Diskussionen über den Klimawandel stellt sich die Frage, inwieweit Klimastrategien die legitimen Erwartungen von Personen auf bestimmte (mit hohen Treibhausgas-Emissionen verbundene) Lebensweisen berücksichtigen sollten. Auch beim Übergang von ungerechten zu gerechten politischen Verhältnissen tritt das Problem auf.
Die gesellschaftliche Relevanz unseres Projektes wird am besten anhand eines Beispiels illustriert. Es ist weithin anerkannt, dass eine gerechte Strategie gegen den Klimawandel eine signifikante Reduktion von Treibhausgas-Emissionen einschließt. Viele Zukunftspläne von gegenwärtig lebenden Personen (vor allem in Industriestaaten) gehen mit einem beträchtlichen Maß an solchen Emissionen einher: Wir planen ein Haus im Grünen zu bauen, in ferne Länder zu reisen, usw. Sollten keine radikalen technologischen Innovationen eintreten, verlangt eine gerechte Lösung des Problems des Klimawandels also, dass gegenwärtig lebende Personen einige oder viele ihrer Zukunftspläne aufgeben oder ändern. Nun haben aber Staaten selbst in der Vergangenheit die Erwartung generiert und befördert, dass ihre Bürger auch in Zukunft emissions-intensiven Pläne verfolgen können. Das wirft zahlreiche Fragen auf: Haben die Bürger z.B. einen Anspruch auf Entschädigung, wenn sie ihre Zukunftspläne aufgeben oder ändern müssen? Wie sollte ein Staat wie z.B. Österreich seine Klimastrategie gestalten, damit diese sowohl der normativen Bedeutsamkeit des Kampfes gegen den Klimawandel als auch der normativen Bedeutsamkeit der legitimen Erwartungen seiner Bürger Rechnung trägt?
Trotz ihrer zentralen Bedeutung haben sich bis dato nur wenige Philosophen mit der Frage auseinandergesetzt, wie legitime Erwartungen systematisch von illegitimen unterschieden werden können. Eine intuitive und vielversprechende Art der Grenzziehung gründet auf dem Begriff der Gerechtigkeit. Allen Buchanan zufolge sind Erwartungen beispielsweise legitim, wenn sie gerecht sind, und illegitim, wenn sie ungerecht sind. Wie alle anderen Ansätze ist jedoch auch diese gerechtigkeitszentrierte Sichtweise strittig. Unser Projekt wird zur wissenschaftlichen Diskussion über zahlreiche solcher Angelegenheiten beitragen. Die Forschungsfragen wurden etwa so ausgewählt, dass sie sämtliche der oben genannten Beispiele abdecken.
Schreibend argumentieren. Ontogenese schriftlicher Argumentationskompetenz in der Sekundarstufe
Sabine SCHMÖLZER-EIBINGER / Lisa NIEDERDORFER
Die Fähigkeit argumentative Texte zu verfassen ist sowohl für den Bildungserfolg, als auch die Teilnahme an einer demokratischen Gesellschaft unabdingbar. In der Schule ist schriftliches Argumentieren nicht nur Lerngegenstand im Deutschunterricht, sondern auch Werkzeug des Lernens im Fachunterricht. Das Argumentieren wird daher als zentrale bildungsbiographische Diskursfunktion und fächerübergreifend relevante Sprachhandlung bezeichnet. Trotz der hohen Relevanz des Argumentierens in der Schule sind bisherige Studien zur Entwicklung der schriftlichen Argumentationskompetenz im Schulalter spärlich und bilden zudem auch die Diversität der SchülerInnenschaft unzureichend ab.
Ziel dieses Forschungsprojekts, das beim FWF im Rahmen einer Einzelförderung beantragt wird, ist es, die Entwicklung der schriftlichen Argumentationskompetenz von SchülerInnen in der Erst- und Zweitsprache Deutsch in verschiedenen Schultypen und über die gesamte Sekundarstufe hinweg im Rahmen einer Pseudolongitudinalstudie zu untersuchen. Zusätzlich zur Erhebung der argumentativen Schreibkompetenz anhand von Texten wird der bisher nicht untersuchte argumentative Schreibprozess in den Blick genommen.
Durch die gewonnenen Erkenntnisse soll erstmals ein Einblick in die Entwicklung der schriftlichen Argumentationskompetenz und die Schreibprozesse von SchülerInnen beim Verfassen argumentativer Texte in der gesamten Sekundarstufe mit einer großen und sprachlich heterogenen Stichprobe gegeben werden.
Medizin- und Bioethikdiskurse. Eine Geschichte öffentlich-politischen Sprachgebrauchs seit 1990
Constanze SPIEß
Mit der Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten für vorwiegend medizinische Zwecke stellen sich immer auch ethische Fragen der Anwendbarkeit und damit verbunden auch der Folgen der Anwendung neuer Techniken für den Menschen. Die ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Konflikte manifestieren sich in erster Linie sprachlich in Form der perspektivischen Verwendung spezifischer Lexik, Metaphorik und Argumentationstopoi innerhalb öffentlich geführter bioethischer und medizinethischer Diskurse.
Ausgehend von der sprachtheoretischen Überzeugung von der realitätskonstitutiven Kraft der Sprache, zielt das vorliegende, beim FWF im Rahmen der Einzelförderung zu beantragende und in Kooperation mit den Universitäten Aachen, Darmstadt, Düsseldorf, Duisburg-Essen, Kiel und Trier, konzipierte Projekt einer Geschichte öffentlich-politischen Sprachgebrauchs seit 1990 darauf ab, die sprachliche Konstitution medizin- und bioethisch relevanter Diskurse (wie z.B. gentechnische Verfahren in der Reproduktionsmedizin, Eingriffe in das Erbgut von Embryonen und geborenen Personen, Transplantationsmedizin) zu erforschen. Dabei soll die sprachliche Oberfläche der Ausgangspunkt einer diskurssemantischen Analyse sein. Anhand einer Analyse der zentralen Schlüsselbegriffe und der in diesem Zusammenhang relevanten Argumentationsmuster und Metaphern soll so die sprachliche Konstruktion von Wirklichkeit als Teil von Sprachgeschichte im Bereich der Medizin- und Bioethik dargestellt und zugleich sollen Querverbindungen zu den Diskursbereichen der anderen Teilprojekte aufgezeigt werden.

 

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2017 wurde an zwei Forschungsvorhaben vergeben: 

  • KOINER, Gabriele / REITINGER, Nicole: Zyprioten in Stein und Ton. Antike Skulpturen aus dem Bezirk von Nicosia, Zypern
  • MENNEN, Ineke: Wenn die Muttersprache fremd klingt: Merkmale eines fremdsprachigen Akzents beim (teilweisen) Verlust der Erstsprache / When Your Native Language Sounds Foreign: Characterising Foreign Accent In L1 Attrition
Zyprioten in Stein und Ton. Antike Skulpturen aus dem Bezirk von Nicosia, Zypern
Gabriele KOINER / Nicole REITINGER
Die Insel Zypern war in der Antike durch seine geographische Lage Kontaktzone verschiedener kultureller Einflüsse aus Griechenland, dem Orient und Ägypten. Daraus entwickelte sich eine charakteristische zyprische Kultur, die sich auch in der Skulptur fassen lässt, welche in Heiligtümern, auf öffentlichen Plätzen, in Grabkontexten und als Ausstattung repräsentativer Wohnbauten Aufstellung fand.
Ziel des Projekts ist die Aufnahme, Bearbeitung und Kontextualisierung von Skulpturen aus Marmor, Kalkstein, Terrakotta und Bronze aus Nicosia, in der Antike der Hauptstadt des gleichnamigen Stadtkönigtums Ledroi/Ledra. Sein antikes Stadtgebiet wurde, bedingt durch die moderne Überbauung, nur punktuell erforscht. Skulpturen sind durch Aufsammlungen, Altgrabungen, Beschlagnahmungen und erst in letzter Zeit durch neuere Grabungen bekannt geworden. Eine großflächige regionale Untersuchung dieses Bestandes fehlte bislang völlig.
Im Rahmen des Projekts sollen Fragen zur Typologie, zur bisher fehlenden Feindatierung und zur Aufstellung der Skulpturen erörtert werden. Die Skulpturen sollen sowohl in einen gesamtzyprischen als auch außerzyprischen Kontext gestellt werden. Die Ergebnisse werden durch Print- und elektronische Medien sowohl der Wissenschaftsgemeinschaft als auch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
Wenn die Muttersprache fremd klingt: Merkmale eines fremdsprachigen Akzents beim (teilweisen) Verlust der Erstsprache
Ineke MENNEN
Nicht-MuttersprachlerInnen sind aufgrund ihres fremdsprachigen Akzents meist leicht von MuttersprachlerInnen zu unterscheiden. Dabei handelt es sich um eine Abweichung von der muttersprachlichen Norm, die Merkmale der Erstsprache der SprecherInnen aufweist. Jüngere Forschungsergebnisse haben aber gezeigt, dass auch die Umkehrung erfolgen kann, und die Muttersprache vom Erwerb einer Zweitsprache beeinflußt werden kann. Wenn dies zu einer Beeinträchtigung der sprachlichen Kompetenz führt, spricht man vom (teilweisen) Verlust der Erstsprache. Im Aussprachebereich kann sich das beispielsweise so äußern, dass MuttersprachlerInnen als Nicht-MuttersprachlerInnen wahrgenommen werden.
Das vorliegende, beim FWF im Rahmen der Einzelförderung zu beantragende und in Kooperation mit Dr. Mayr von der Cardiff Metropolitan University konzipierte Projekt zielt darauf ab, das Wesen des fremdsprachigen Akzents beim Verlust der Erstsprache näher zu ergründen. Anhand von experimentellen Daten soll dabei festgestellt werden, welche Merkmale der Aussprache besonders vom Verlust der Erstsprache betroffen sind und dazu führen, dass MuttersprachlerInnen nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Das Projekt wird maßgeblich zu einem besseren Verständnis des Ausspracheverlusts in der Erstsprache beitragen, und gleichzeitig von praktischem Nutzen für Lernende einer Zweitsprache sein.

 

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2016 wurde an zwei Forschungsvorhaben vergeben:

  • Dina EL SARKA: Arabisch im Südiran
  • Harald STELZER, Adriana PLACANI: Die Verantwortung für Risiken: Theorie und Praxis
Arabisch im Südiran
Dina EL SARKA
Die Beschäftigung mit der arabischen Sprache hat sich bislang vor allem auf das klassische (Koran-)Arabisch und im Rahmen der traditionellen Dialektologieforschung auf die Beschreibung zentraler arabischer Varietäten konzentriert.
In diesem beim FWF im Rahmen der Einzelprojektförderung zu beantragenden Kooperationsprojekt zwischen Sprachwissenschaft (KFU) und Ethnomusikologie (KUG) sollen die bedrohte, bisher unbeschriebene Sprache einer arabischen Minderheit im Südiran und gleichzeitig die traditionelle Musik dieser Volksgruppe dokumentiert werden. Damit reiht sich das interdisziplinäre Projekt in die relativ jungen Forschungsrichtungen der modernen Dokumentationslinguistik und Ethnomusikologie ein. Gleichzeitig soll mit dem Forschungsvorhaben eine Varietät der arabischen Peripherie dokumentiert und erforscht werden, wodurch das geografische Gebiet dieser Peripherie, das von Nordafrika über die nördlichen Teile des subsaharischen Raumes bis zur Türkei punktuell bearbeitet ist, um den iranischen Kulturraum erweitert wird.
Neben dem Dokumentationsaspekt stehen aus sprachwissenschaftlicher Sicht Fragen des Sprachkontakts zwischen zwei genetisch nicht verwandten Sprachen, Arabisch (semitisch) und Persisch (indoeuropäisch) sowie die Erforschung der Prosodie und Informationsstruktur im Vordergrund.
Die Verantwortung für Risiken: Theorie und Praxis
Harald STELZER / Adriana PLACANI
Bis vor kurzem drehten sich philosophische Debatten um eine Welt der Sicherheit, in der die Konsequenzen von Handlungen entweder vollständig bekannt oder zumindest sehr absehbar sind. Moralphilosophen haben die spezifischen ethischen und moralischen Probleme betreffend Risiko und Unsicherheit weitgehend außer Acht gelassen. Die Gegebenheiten haben sich jedoch geändert, dem Risiko samt seinen philosophischen Aspekten wird nun größeres Interesse entgegengebracht. Nichtsdestoweniger sind unsere gegenwärtigen normativen Theorien schlecht ausgerüstet, den aus dem Risiko entspringenden moralischen Implikationen adäquat zu begegnen.
Eine der am meisten vernachlässigten Aspekte der philosophischen Forschung ist jener der moralischen Verantwortung für Risiko. Moraltheorien sprechen traditionell retrospektive Verantwortungszuschreibungen an, die im Kontext vollständiger Sicherheit das tatsächliche Vorkommen von Schaden und Unrecht behaupteten. Diese Theorien implementierten und beriefen sich auf Standardmodelle der Verantwortung (folglich, SMV), die unter der Annahme von Sicherheit die Signifikanz, moralischen Implikationen sowie Gründe für die Verantwortungszuschreibung in Risikofällen nicht berücksichtigten.
Die Folge davon scheint zu sein, dass SMV unfähig sind, die moralischen und ethischen Abstufungen von Risiko zu adressieren. Eines der Projektziele beinhaltet die Identifikation und normative Bewertung der Defizite von SMV gegenüber Risiko. Des Weiteren wird das Projekt Wege der Re-Konzeptualisierung von SMV vorschlagen, damit Risiken adäquat adressiert werden können. Als Resultat werden neue normative Rahmenbedingungen für die gerechtfertigte Allokation und Zuschreibung von Verantwortung für Risiken entstehen.
Das Projekt wird diese Rahmenbedingungen auf spezifische mit Klimawandel-Politiken einhergehende Risiken anwenden, um zu identifizieren, ob, warum und wie Verantwortung gerechtfertigt zugeschrieben werden kann. Im Zuge des Aufzeigens und Ansprechens von Problemen von Verantwortung im Kontext unvollständiger Sicherheit sowie des Hinweisens auf theoretische und praktische Anwendungen, will dieses Projekt eine interdisziplinäre Analyse, Synthese und Anleitung eines untererforschten Themas bieten.

 

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2015 wurde an fünf orschungsvorhaben vergeben:

  • GOLL, Nicole-Melanie: Zwischen den Fronten. Kriegsjugend im Spannungsfeld von Mobilisierung und Demobilisierung im Kontext des Ersten Weltkrieges und der ersten Nachkriegsjahre (Tirol/Steiermark)
  • LEHNER, Manfred und KÄRCHER Christiane: Mobilität und Beherbergung im östlichen Alpenraum (500–1500 n. Chr.)
  • MEYER, Lukas und WALIGORE, Timothy: The Supersession Thesis: Redressing the Past
  • MEYER, Lukas und WALLIMANN-HELMER, Ivo: Sustaining the Future of Democracy: Intergenerational Justice and State Responsibility
  • SPICKERMANN, Wolfgang und SCHEUERMANN, Leif: Rom oder Athen? Stadträume des zweiten Jahrhunderts im Vergleich
Zwischen den Fronten. Kriegsjugend im Spannungsfeld von Mobilisierung und Demobilisierung im Kontext des Ersten Weltkrieges und der ersten Nachkriegsjahre (Tirol/Steiermark)
Nicole-Melanie GOLL
Das Projektvorhaben widmet sich der sogenannten „Kriegsjugend,  nimmt also jene Generation in den Fokus, die während des "Großen Krieges" aufwuchs und von diesem in unterschiedlicher Art und Weise geprägt wurde. Entscheidender Ansatz des Vorhabens ist es dabei, diese Prägung nicht nur auf die Gewalterfahrungen im Krieg selbst zu beziehen – etwa durch den Fronteinsatz und/oder Erfahrung der Gefangenschaft –, sondern in einer entsprechenden "Erziehung zum Kriege", in einer gesellschaftlichen Militarisierung sowie in der Einbindung aller Gesellschaftsschichten in die Kriegsanstrengungen des Staates zu analysieren. Krieg und Gewalt (abseits der Kampfhandlungen) wurde nicht nur Teil des Alltages, sondern auch zum Dogma der Kriegsgeneration – mit weitreichenden Nachwirkungen, die gerade für den österreichischen Raum bislang noch ungenügend erschlossen sind und die nach 1918 Auswirkungen haben sollten. Für das Projektvorhaben werden dabei die beiden Kronländer Steiermark und Tirol für die Analyse ausgewählt. Untersucht werden sollen u.a. die durch die Kriegssituation aufgebauten Gesellschaftsmodelle und Geschlechterkonstruktionen und ihre Projektion auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene; der Bereich der Erziehung, Bildung und (Berufs-)Ausbildung im Kontext einer "Kriegsgesellschaft"; die Erfahrung im Kriegseinsatz und Gefangenschaft in der Spätphase des Krieges; die Politisierung der "Kriegsjugend", ihre Milieuzugehörigkeit, parteipolitische Verankerung im Speziellen in der Nachkriegszeit. Das besondere Ziel des Vorhabens ist dabei die Erstellung einer (Kollektiv)Biografie sowohl männlicher als auch weiblicher Vertreter der Kriegsjugend (Geburtsjahrgänge 1893 bis 1908). Die Arbeit ist forschungstheoretisch in eine Sozialgeschichte des Krieges eingebettet und ergänzt die neueste Gewalttheorie in ihrer kritischen Analyse der Brutalisierung der Gesellschaft durch den Ersten Weltkrieg (u. a. Dirk Schumann).
Mobilität und Beherbergung im östlichen Alpenraum (500–1500 n. Chr.)
Manfred LEHNER und Christiane KÄRCHER
Die Alpen als trennendes und zugleich verbindendes Element zentraleuropäischer Kunst -, Kultur-, Wirtschafts- und damit auch Verkehrsräume sind seit langem Gegenstand unterschiedlichster Forschungen zu jeglicher Art von Transfer zwischen Nord und Süd. Die Bauwerke zur Beherbergung, Verpflegung, Betreuung und Sicherheit von Reisenden aller Art, Händlern, Herrschenden, Gesandten, Soldaten und Pilgern sind neben den Straßentrassen selbst die wichtigsten sachkulturell befundbaren Indikatoren des kulturhistorischen Phänomens des Reisens, wurden jedoch über regionale kunsthistorisch-baugeschichtliche und archäologische Befunde vor allem in den Westalpen und in Italien hinaus bisher noch nicht zusammenfassend und fachübergreifend untersucht.
Ziel des Projektes ist es, diese Lücke für die Zeit zwischen 500 und 1500 nicht nur in Form einer Bestandsaufnahme, sondern auch prospektiv zu füllen. Durch eine interdisziplinäre Erforschung und Darstellung der einschlägigen Monumente und Befunde im östlichen Alpenraum von der Ostschweiz bis nach Slowenien soll geklärt werden, wie, in welcher Form und in welchem Umfang die Erfordernisse, die sich aus der nachantiken Nutzung der Alpen als Transitraum ergaben, zu einer funktionsspezifischen baulichen Überlieferung führten. Damit kann nicht nur das bisher etwas abstrakte Szenario des trans- und inneralpinen Personenverkehrs im Früh-, Hoch und Spätmittelalter greifbarer gemacht und anhand konkreter Baubefunde illustriert, sondern auch ein für die Besiedlungsgeschichte bzw. jeweilige Landeskunde grundlegender diachroner Beitrag zur Frage der Beibehaltung, des Verlustes oder der Neuerschließung ostalpiner Routen und des damit verbundenen kulturellen Transfers geleistet werden.
Im Rahmen des gemeinsam mit Wolfgang Augustyn (Zentralinstitut für Kunstgeschichte München) und Carola Jäggi (Universität Zürich) einzureichenden DACH-Projektes soll an der Universität Graz Personal am Institut für Archäologie (DissentantInnenstelle Befunde Österreich sowie studentische MitarbeiterIn Datenbankbetreuung) und am Institut für Geographie (DissertantInnenstelle Geophysik und GIS) aufgenommen werden.
The Superpsession Thesis: Redressing the Past
Lukas MEYER und Timothy WALIGORE
Jeremy Waldron’s supersession thesis holds that through changes in circumstances, a historic injustice can be superseded, such that it is wrong to restore the pre-injustice situation. The project analyzes which circumstances matter, different possible versions of the thesis, the adequacy of the theoretical structure of the argument, and how to apply the thesis in particular contexts and cases. The distinct ways supersession can occur are analyzed, including exceeding distributive constraints, changing connections to objects, and lack of continuing identity (or sovereignty). Possible cases include the Roma and Sami, genocide in Namibia, ethnic cleansing in Iraq, and Latin American land reforms.
Sustaining the Future of Democracy: Intergenerational Justice and State Responsibility
Lukas MEYER und Ivo WALLIMANN-HELMER
Skepsis gegenüber der Demokratie als Regierungsform besteht schon seit der Antike und wird seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts angesichts von Umweltkatastrophen wieder vermehrt betont. Mit Blick auf den Klimawandel und die unbefriedigenden Klimaverhandlungen wird z. B. gefordert, dass zugunsten einer energischen und gerechten Klimapolitik demokratische Entscheidungsprozesse in den Hintergrund zu treten haben oder allenfalls zu reformieren seien. Gleichzeitig werden in internationalen Verhandlungen zu Umweltherausforderungen und zum Klimawandel Nationalstaaten als die relevanten Akteure angesehen, die Verantwortung übernehmen und entsprechende Vereinbarungen durchsetzen müssen. Mit Blick auf Demokratien setzt dies voraus, dass diese die Bedingungen von kollektiv-verantwortungsfähigen Akteuren erfüllen und die ihnen zugewiesenen Verpflichtungen über Gesetze und Steuern berechtigterweise an ihre Bürgerinnen und Bürger weitergeben dürfen.
Vor dem Hintergrund der Skepsis über die Leistungsfähigkeit der Demokratie, nachhaltige Politikentscheide herbeizuführen, untersucht dieses beim FWF im Rahmen der Einzelprojektförderung zu beantragende Projekt zwei Fragen: 1.) Welche Verantwortung gegenüber der Zukunft der Menschheit und ihren zukünftigen Bürgerinnen und Bürgern kommt Demokratien zu? 2.) Welche institutionellen Veränderungen lassen sich rechtfertigen, um die Wahrscheinlichkeit nachhaltiger Politikentscheide wesentlich zu erhöhen? Als Arbeitshypothese wird angenommen, dass demokratische Entscheidungsprozesse eine veränderte institutionelle Struktur erfordern, damit Demokratien ihrer Verantwortung gegenüber der Zukunft besser nachkommen.
Rom oder Athen? Stadträume des zweiten Jahrhunderts im Vergleich
Wolfgang SPICKERMANN und Leif SCHEUERMANN
Im 2. Jh. n. Chr. erreichte das Römische Reich seine größte Ausdehnung. Kaiser wie Trajan, Hadrian, Antoninus Pius, Marc Aurel sorgten zwar für wirtschaftlichen Wohlstand und inneren Frieden, doch gab es immer mehr Probleme an den Grenzen des Riesenreiches. Die Zeit war geprägt von einem Aufschwung des Bürgertums in den Städten und einer großen Verbreitung griechischer Bildung (Paideia), die zu einer großen Wertschätzung von insbesondere griechischer Philosophie und Rhetorik führte. Rom erlebte dabei eine Blütezeit als politisches und (neben Athen) kulturelles und ideelles Zentrum des Reiches. Dies ließ einerseits eine "Romidee" (Aelius Aristeides, Romrede) entstehen, führte aber auf der anderen Seite auch zu einer schroffen Ablehnung Roms als ungriechisch und einer Idealisierung Athens. Diese Polarisierung Rom-Athen machte die beiden Städte zum Thema in zahlreichen Schriften insbesondere von Vertretern der einsetzenden 2. Sophistik. Das hier vorgestellte Projekt thematisiert die Stadträume dieser Texte. Hierbei werden Räume als individuelle, gruppenspezifische und medial vermittelte Ordnungs-Systeme verstanden, wobei jedoch nur die letztgenannten, vermittelten Räume einer historischen Analyse direkt zur Verfügung stehen. Diese sollen herausgearbeitet werden, und, in einem zweiten Schritt, auf ihren Aussagegehalt für die individuellen Räume der Autoren, wie auch für die durch gesellschaftliche Gruppen produzierten Räume analysiert werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, ob sich das in spezifischen Quellen (bes. Aelius Aristides; Lukian) hervorgehobene Lob bzw. die Kritik an Rom und Athen in der Quantität und Qualität der topographischen Nennungen widerspiegelt, oder ob sich die polemisch vorgetragenen Bewertungen und die Idealbilder der Städte nicht gerade im Widerspruch dazu stehen. Ferner werden die für die beiden Städte separat erarbeiteten Ergebnisse miteinander verglichen, um einerseits das individuelle "Image" Roms und Athens weiter zu schärfen und andererseits übergreifende Muster von Raumordnung im Untersuchungszeitraum zu gewinnen. Hierbei stellt sich die Frage nach der generellen Charakterisierung von Städten im zweiten Jahrhundert ebenso wie nach Differenzen zwischen dem griechisch dominierten östlichen Mittelmeerbereich, und dem lateinischen Westen im Rahmen der gemeinsamen literarischen Strömung der zweiten Sophistik.

 

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2014 wurde an neun Forschungsvorhaben vergeben:

  • DAVID, Marian: The Fragmented Mind: Belief, Rationality, and Agency
  • HAUG-MORITZ, Gabriele / GÖDERLE, Wolfgang: Wissen in der Moderne. Studien zum Fach "Physik" an den Grazer Hochschulen im Spannungsfeld von Raumsoziologie und Wissen(schaft)sgeschichte (1870er Jahre - 1914)
  • HOFFMANN, Georg: NS-Herrschaft im Bombenkrieg am Beispiel des heutigen österreichischen Raumes (1943–1945)
  • HOFMEISTER, Wernfried: Grazer Archiv transmedialer Editionen: Modul Kochrezepttexte (GATE-k)
  • KASER, Karl: Soziopolitische Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Jugendlichen am Westbalkan unter besonderer Berücksichtigung ihrer historischen Entwicklung im sozialistischen Jugoslawien
  • LEHNER, Manfred: Transformation und Migration im Südostalpenraum zwischen Spätantike und Frühmittelalter
  • MAIERHOFER, Roberta / CWIK, Christian / MUTH, Verena:Transatlantische und interamerikanische Migration am Beispiel deutschsprachiger Flüchtlinge zwischen 1933 und 1955
  • PIEPER, Renate: Wissensmedien des 18. Jahrhunderts zwischen Handschrift und Druck
  • SPICKERMANN, Wolfgang: Keltische Götternamen und gallo-römische Provinzialreligion in der römischen Provinz Germania Inferior
The Fragmented Mind: Belief, Rationality, and Agency
David MARIAN
This project will investigate and develop the hypothesis that the human mind is fragmented, and will use this hypothesis to explain a number of outstanding puzzles and problems in philosophy. That the human mind is unified is a presupposition in many areas of scientific inquiry. In particular, the assumption that a single agent's total beliefs are consistent and include their deductive consequences is common to Bayesian probability-based accounts of human belief as well as to game-theoretic models of decision making; it is also supported, to some extent, by common-sense psychology. However entrenched this assumption of the mind's unity may be, it is clear that it is a striking misdescription of the reality of human belief and agency. The goal of this project is to provide a more realistic foundation for the formal, scientific analysis of belief. We propose to explore and develop the hypothesis that the human mind – belief in particular – is fragmented: that a single agent has various separate systems of belief, which need not make for a consistent and deductively closed overall belief state of the agent. After initial exploration and development of the hypothesis of fragmentation in cognitively realistic terms, our goal is to use it to explain a number of puzzles and problem cases, which purport to show the human propensity to inconsistent and incomplete beliefs, and to explain related tensions in our folk-psychological attributions of belief.
Wissen in der Moderne. Studien zum Fach "Physik" an den Grazer Hochschulen im Spannungsfeld von Raumsoziologie und Wissen(schaft)sgeschichte (1870er Jahre - 1914)
Gabriele HAUG-MORITZ / Wolfgang GÖDERLE
Im Zentrum eines wissenschafts- und sozialgeschichtlichen Zugangs steht die Frage nach den konkreten Bedingungen, unter denen naturwissenschaftliche Forschung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert institutionell verankert und betrieben wurde. Dabei soll eine gemeinhin als teleologisch dargestellte Entwicklungsdynamik in einem breiteren Kontext analysiert werden: Wie funktionieren wissenschaftliche Netzwerke im Untersuchungszeitraum im Detail? Welche Ausformungen nehmen sie vor Ort ein, wo kristallisieren sie in urbanen und universitären Räumen aus, und wie wirken sie auf die Auswahl von Forschungsstrategien aus? Wie funktioniert wissenschaftliche Kommunikation im untersuchten Zeitraum und wie verändert sie sich? Wo wird Wissenschaft im Stadtbild sichtbar, wo siedeln sich AkteurInnen an und wo verorten sie sich in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft?

Die zentrale Stoßrichtung des Projekts besteht in der Erarbeitung einer breiteren Perspektive auf mehrere Prozesse, die zwar teilweise bereits intensiv beforscht wurden, insgesamt aber bis dato isoliert voneinander betrachtet wurden. Aus einer mehrdimensionalen Annäherung an einen sehr breit gefassten Quellenkorpus soll damit eine Sichtweise auf die Entwicklung physikalischer Grundlagen- und Anwendungsforschung in einem konkreten europäischen Kontext über einen Zeitraum von etwa einem halben Jahrhundert entwickelt werden. Der Fokus liegt dabei darauf, die wichtigsten AkteurInnen und die von ihnen konstituierten Kollektive nicht aus einer einzigen Wahrnehmung heraus auszudeuten, sondern diese vielmehr in unterschiedlichen sozialen Rahmen zu bestimmen und diese Befunde miteinander in Beziehung zu setzen: Die gegenseitige Ressourcenzuschreibung zwischen so unterschiedlichen Handlungsfeldern wie wissenschaftlicher Forschung, bürgerlicher Gemeindepolitik und der regionaler Wirtschaftsentwicklung sollen so umfassender bestimmt werden.
NS-Herrschaft im Bombenkrieg am Beispiel des heutigen österreichischen Raumes (1943–1945)
Georg HOFFMANN
Das Projektvorhaben analysiert die Ausformung von spezifischen nationalsozialistischen „Herrschaft“-Mechanismen im Kontext des alliierten strategischen Luftkrieges unter dem Gesichtspunkt einer „Herrschaft als soziale Praxis“ und damit unter Betrachtung gesellschaftlicher Teilhabe sowie individueller und kollektiver (Luft)Kriegswahrnehmungen und -Interpretationen als deren Basis. Es nimmt dabei mit dem heutigen Österreich (die ehemaligen Alpen-Donau-Gaue) einen Raum in den Fokus, in dem sich nicht nur eine besondere Ausformung des Bombenkrieges manifestierte, sondern in dem selbiger bislang auch nie umfangreich und unter sozial- und kulturhistorischen Ansätzen aufgearbeitet wurde. Dies ist umso erstaunlicher, zieht man ins Kalkül, dass gerade der Bombenkrieg zur vorherrschenden und bestimmenden Kriegswahrnehmung und Gewalterfahrung eines Großteils der Bevölkerung wurde, die in diesem Raum lebte.
Gegenstand der Betrachtung ist daher vor allem die nationalsozialistische „Herrschafts“-Durchsetzung und -Sicherung als jene Maßnahme, die gegen die Folgewirkungen des Bombenkrieges sowie der individuellen Wahrnehmungen und Deutungen desselben gerichtet war. Hier wird den Fragen nachgegangen, wie sich „Herrschaft“ in dieser Hinsicht sowohl institutionell und strukturell als auch in Interaktion mit der betroffenen Bevölkerung abbildete, welche gesonderten und nach außen abgegrenzten Gesellschafts- und „Gemeinschafts“-Konstrukte („Luftschutzgemeinschaft“, „Bunkergemeinschaft“) dadurch erzeugt und wie vor allem spezifische Gewaltmechanismen in diese implementiert wurden.
Grazer Archiv transmedialer Editionen: Modul Kochrezepttexte (GATE-k)
Wernfried HOFMEISTER
Der editionswissenschaftliche Rahmen (GATE) gilt der Neukonzeption einer möglichst umfassenden, fächerübergreifenden Erschließungstechnik mittels analoger und digitaler Zugänge auf einer philologischen, von mittelalterlichen ‚Textereignissen‘/Überlieferungen ausgehenden Basis und betritt in diesem Ansatz wissenschaftliches Neuland. Geplant ist die Entwicklung einer virtuellen Arbeitsumgebung mit einschlägigen Tools zur editorischen Erschließung historischer Quellen, ferner zur (paläographisch-schriftkundlichen, sprachwissenschaftlichen, fein- bis makrostrukturellen) Analyse der digital erschlossenen Texte sowie zu deren Annotierung mit vielschichtigen Informationen und Verknüpfung mit bestehenden oder erst aufzubereitenden digitalen Ressourcen bis hin zur Archivierung bzw. Präsentation der komplexen Materialien. Die Modulbezeichnung k steht für die thematische Zuspitzung von GATE auf historische Kochrezepttexte als ideales Paradigma, das einerseits ausgeschöpft werden soll, aber andererseits auch der Entwicklung aller benötigten Tools und Archivstrukturen für die spätere Implementierung weiterer Module/Text-/Quellenkorpora in GATE dienen kann.

Beantragt und hauptverantwortlich getragen wird dieses in vieler Hinsicht grenzüberschreitende Projekt im Rahmen eines DACH Lead Agency-Verfahrens von der Grazer Germanistischen Mediävistik (Ao. Univ.-Prof. Dr. Wernfried Hofmeister, Priv.-Doz. Mag. Dr. Andrea Hofmeister). Als universitäre Partner treten vor Ort das Zentrum für Informationsmodellierung in den Geisteswissenschaften auf und in Deutschland an der Universität Gießen Prof. Dr. Thomas Gloning (seitens der Sprachwissenschaft). Das Institut DIGITAL (DI Georg Thallinger) der steirischen Forschungsgesellschaft JOANNEUM RESEARCH fungiert – aufbauend auf den Ergebnissen des schriftanalytischen Projekts DAmalS – als außeruniversitärer Partner. Damit kommt es in GATE-k zu einer Vernetzung zwischen der Fachwissenschaft (Germanistische Literatur- und Sprachwissenschaft) und ihren Nachbardisziplinen (wie der Geschichtswissenschaft, der Medizingeschichte, Paläographie, Kunstgeschichte und Archäologie) sowie last but not least mit der Informationstechnologie bzw. mit den Digital Humanities. Das insgesamt angestrebte Antragsvolumen liegt bei ca. € 400.000,-.
Soziopolitische Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Jugendlichen am Westbalkan unter besonderer Berücksichtigung ihrer historischen Entwicklung im sozialistischen Jugoslawien
Karl KASER
Gegenstand dieser entwicklungsgeschichtlichen Analyse ist es, die Bedeutung von jungen Menschen in der Gesellschaft und Politik und ihre sozioökonomische Situation in Jugoslawien und den Nachfolgestaaten Bosnien-Herzegowina und Kosovo zu erforschen und dadurch, mit Blick auf das Projektziel, zentrale Einflussfaktoren auf die Jugendpartizipation zu identifizieren. Aufschlussreiche Anknüpfungspunkte bieten hierfür auch die strukturellen Rahmenbedingungen für die im jugoslawischen Vielvölkerstaat im Vergleich zu seinen Nachfolgestaaten bis Ende der 1970er Jahre bestehenden relativ friedlichen und kooperativen Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen sowie die Gründe für das Aufbrechen dieser Gesellschaftsstruktur und den anschließenden Staatszerfall. Dabei soll auch den Fragen nachgegangen werden, wie sich die Erinnerungskultur an Jugoslawien, aber auch das Vermächtnis der Jugoslawienkriege sowie die Erlebnisse und Erfahrungen junger Menschen in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo mit den tief verwurzelten und noch immer schwelenden ethnonationalen Konflikten gesellschaftlich manifestiert. 
Ein wesentlicher Untersuchungsaspekt in diesem Zusammenhang ist die Entwicklung und Ausgestaltung der in beiden Ländern nach wie vor bestehenden traditionellen patriarchalen Strukturen in der Familie wie auch in der Gesellschaft. Diese Strukturen, so die Hypothese, beeinträchtigen die Entwicklung eines transformativen Denkens und Handelns von jungen Menschen und damit auch die Möglichkeiten zur ethnonationalen Versöhnung und Konfliktlösung zwischen den Gesellschaftsgruppen.
Transformation und Migration im Südostalpenraum zwischen Spätantike und Frühmittelalter
Manfred LEHNER
Ziel dieses Projektes ist die integrative Erforschung und diachrone Darstellung von kulturhistorischen Transformationsprozessen in der Übergangszeit von der Spätantike zum Frühmittelalter am südöstlichen Alpenrand. Besonderes Augenmerk ist  dabei auf die romanische, germanische und slawische bzw. gemischtethnische Migrationsproblematik der Völkerwanderungszeit zu legen, die den Hintergrund dieser Transformationen bildet. Eines der Hauptprobleme ist die derzeit nur sehr unscharfe Feinchronologie sowie die kaum mögliche ethnische Zuweisung des archäologischen Fundmaterials. Neben der Analyse vorhandener archäologischer Daten (Vorlage unpublizierter Funde und Befunde aus Österreich und Slowenien, Neuinterpretation alter Grabungsvorlagen) kommen vor allem archäometrische (Keramikanalyse, Geophysik, Radiokarbondatierungen), aber auch historisch-philologische Methoden zum Einsatz (Neulesung und gegebenenfalls Neuinterpretation der relevanten antiken und frühmittelalterlichen Schriftquellen).
Das Kontinuitätsproblem zwischen Spätantike und frühem Mittelalter steht seit einigen Jahrzehnten im Fokus der Forschung und erlebt derzeit einen lebhaft geführten Diskurs. Der Südostalpenraum, konkret das antike Städtedreieck Celeia – Poetovio – Solva, Brücke und Bollwerk zwischen Italien und der pannonischen Tiefebene und damit Schlüsselregion zwischen West und Ost, ist als Untersuchungsraum für derartige Transformationsprozesse prädestiniert. Phänomene der Kontinuität und Diskontinuität spätantiker Kultur und nachantiker Kulturerscheinungen begegnen hier, obwohl auf engem Raum, auffällig divergent (z. B. Ortsnamen, Ruinenkontinuität, Postulate verschieden langer siedlungs- und/oder bevölkerungsarmer Zeitabschnitte). Aktuelle archäologische Befunde der Spätantike in Österreich und Slowenien, die über das Frühmittelalter hinaus als Landmarken bestehen, fordern dazu heraus, unsere Vorstellung der kulturellen und historischen Entwicklung im südöstlichen Teil des antiken Binnennorikum und des frühmittelalterlichen Karantanien zu überdenken.
Im Rahmen des FWF-Einzelprojektes soll Personal für die Archäologie (Projektmitarbeiter sind die einschlägig ausgewiesenen PostDocs Stephan Karl und Christoph Gutjahr), für die Auswertung der Schriftquellen sowie für die Darstellung geowissenschaftlicher Daten (jeweils DissertatInnenstellen) aufgenommen werden.
Transatlantische und interamerikanische Migration am Beispiel deutschsprachiger Flüchtlinge zwischen 1933 und 1955
Roberta MAIERHOFER / Christian CWIK / Verena MUTH
Das Projektvorhaben untersucht die Migration von österreichischen Flüchtlingen in den karibischen Raum (transatlantische Dimension) sowie ihre Weiterwanderung innerhalb der Amerikas (interamerikanische Dimension) im Zeitraum von 1933 bis 1955. Bei den Migrant/innen, die bis 1945 Österreich verließen, handelt es sich hauptsächlich um jüdische Flüchtlinge, die vor den faschistischen Regimen Zuflucht in der Karibik suchten. Nach 1945 finden sich unter den Flüchtlingen in den karibischen Raum auch Nazis. Durch die Tatsache, dass es sich im Untersuchungszeitraum mit Ausnahme von Kuba, Haiti und der Dominikanischen Republik ausschließlich um britische, französische, niederländische - und somit europäische Kolonien beziehungsweise zwei US-assoziierte Territorien handelte, drängt sich die Frage auf, warum die westlichen Regierungen, die auf der internationalen Flüchtlingskonferenz von Évian im Juli 1938 einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge aus dem Dritten Reich beschlossen hatten, ihre karibischen Kolonien für die zum größten Teil qualifizierten europäischen Flüchtlinge nicht  öffneten, obwohl es in den meisten Kolonien an Siedlern fehlte. Für diejenigen Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich, denen es trotz politischen (und religiösen) Widerstands gelang, Zuflucht in den europäischen Kolonien zu finden, verschlechterte sich die Situation mit Kriegsbeginn, da sie nun unabhängig von ihrem Asylstatus als „Feindbürger“ eingestuft und in Internierungslager gesperrt wurden. Wir wollen hinsichtlich dieser Vorgangsweisen die europäische und die US-amerikanische Flüchtlingspolitik im karibischen Raum vergleichend untersuchen.
Wissensmedien des 18. Jahrhunderts zwischen Handschrift und Druck
Renate Pieper
Im Rahmen dieses Projektes sollen die Funktionsweisen des medialen Wissensaustausches zwischen Handschrift und Druck gezeigt werden, um ein vollständigeres Bild der neuzeitlichen Praxis der Genese, Zirkulation und Speicherung von Wissen zu erhalten. Das ambivalente Beziehungsgeflecht zwischen gedruckter und handschriftlich transportierter Information wurde bisher kaum bearbeitet. So vollzog sich der frühneuzeitliche Übergang von handschriftlichen Medien hin zu gedruckten keineswegs abrupt oder vollständig. Manuskripte, Briefe, persönliche Aufzeichnungen und geschriebene Zeitungen blieben weiterhin wichtige Informations- und Wissensmedien der Zeit.
Anhand vom drei repräsentativen Beispielen, der wissenschaftlich-technischen Kommunikation, der geschriebenen und gedruckten Zeitungen sowie der Aufbewahrungsstrategien von Handschriften und Drucken in den Bibliotheken des 18. Jahrhunderts soll die Frage, ob die Differenz des gebotenen Wissens zwischen handschriftlich und gedruckt transportierter und aufbewahrter Information für die Leser und Leserinnen in jener Zeit von Relevanz war, beantwortet werden. “Wissen” als eine essentielle Kategorie der Neuzeit soll um neue Erkenntnisse, die sich nicht an der strikten Trennung unterschiedlicher Medienformen orientieren, bereichert werden. Besonders wird dabei auf die Ambivalenz von Innovation und Persistenz medialer Wissensvermittlung verwiesen, somit soll die gängige Diktion der Mediengeschichtsschreibung unter dem Primat der Druckmedien um wesentliche Aspekte ergänzt und die komplexen Prozesse und Phänomene der Medialisierung in der Frühen Neuzeit umfassender erfasst werden. Es soll das 18. Jahrhundert aus einer medienorientierten Perspektive besser erschließen und durch den Verbund unterschiedlicher historischer Zugangsweisen neue Aspekte der Technik-, Zeitungs- und Bibliotheksgeschichte der Neuzeit aufzeigen.
Keltische Götternamen und gallo-römische Provinzialreligion in der römischen Provinz Germania Inferior
Wolfgang SPICKERMANN
Die Reste keltischer Religion im Imperium Romanum haben bislang keine umfassende systematische Aufarbeitung erfahren. Um diesem Desiderat zu begegnen, wurde unter Federführung der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) der internationale Forschungsverbund F.E.R.C.AN. (FONTES EPIGRAPHICI RELIGIONVM CELTICARVM ANTIQVARVM) ins Leben gerufen. Eingebettet in den Rahmen dieses Forschungsverbundes soll das Drittmittelprojekt die Provinz Germania Inferior bearbeiten und die Ergebnisse in zwei Publikationen veröffentlichen: Zum einen wird – als Teilband des von der ÖAW herausgegebenen Reihenwerkes CORPVS-F.E.R.C.AN – ein Quellen-Band für die Provinz Germania Inferior erstellt werden, der alle relevanten epigraphischen Schriftzeugnisse verbunden mit einer deutschen Übersetzung und einem religionshistorischen Kommentar enthält. Ein zweiter Band wird eine vergleichende Untersuchung von Kultplätzen der nördlichen Germania Inferior vorlegen.
Im Rahmen des Projekts sollen drei MitarbeiterInnen (1 Postdoc, 1 DoktorandIn, 1 geringfügig beschäftigte Hilfskraft) beschäftigt werden.

 

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2013 wurde an vier Forschungsvorhaben vergeben:

  • ERNST, Petra: Deutschspachig-jüdische Literatur von ihren Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Medien – Ästhetiken – Diskurse
  • GERGEL, Remus: Die Entwicklung skalarer und intensionaler Elemente
  • LAMPRECHT, Gerald: Die Radikalisierung des Antisemitismus in Österreich von 1914 bis 1923 im Kontext der europäischen Nachkriegsordnung
  • STIGLER, Hubert: Digitale Edition als Grundkonzept einer Geisteswissenschaftlichen Methodologie. Eine domänenübergreifende Theorie editorischer Praxis
Deutschspachig-jüdische Literatur von ihren Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Medien – Ästhetiken – Diskurse
Petra ERNST
In dem kulturwissenschaftlich ausgerichteten Projekt soll eine grundlegende und systematische Darstellung deutschsprachig-jüdischer Literatur von ihren Anfängen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs unternommen werden. Als heuristische Voraussetzung wird ein umfassendes, an systemtheoretischen Ansätzen ausgerichtetes Literaturverständnis zugrunde gelegt. Damit rücken neben literarischen Artefakten in unterschiedlichen Medien auch verschiedene Formen literarischen Handelns in den Blick. In dem Projekt soll unter Berücksichtigung allgemeiner gesellschaftlicher und literarischer Entwicklungen u. a. ein (auf die Verbreitungsländer bezogener) historisch-vergleichender Überblick hinsichtlich einzelner Gattungen und Genres, Medien, Institutionen der Literaturvermittlung etc. erstellt werden. Gleichzeitig sollen aber auch die in einer Vielzahl von Texten verhandelten Diskurse z. B. über Volk, Nation, Sprache, Geschichte, Territorium und Kultur untersucht werden. Das Projekt ist als trilaterale Kooperation (D-A-CH) konzipiert.
Die Entwicklung skalarer und intensionaler Elemente
Remus GERGEL

Das Hauptaugenmerk des Projektes liegt auf dem Zusammenspiel skalarer und intensionaler Elemente unter der Perspektive der diachronen Sprachentwicklung. Gradkonstruktionen (z. B. Lisa is rather smart/very smart/smarter than Bart) beziehen sich auf Skalen von Eigenschaften. Die Intensionalität betrifft unterschiedliche Verlagerungsmöglichkeiten der Evaluation natürlichsprachlicher Äußerungen hinsichtlich möglicher Situationen (via Modalität) oder temporaler Perspektiven (via Tempus und Aspekt); vgl. Marge must have left the office. Es ist jedoch bekannt, dass Mechanismen der Graduierung z.B. bei einer modalen Evaluation greifen (vgl. must/should/might/could etc.) und, umgekehrt, dass die Graduierung selbst der Verlagerungsmöglichkeit, d.h. der Intensionalität unterliegt.
In manchen Fällen wechseln intensionale Elemente durch Wandelprozesse ihre Klasse (ihren so-genannten semantischen Typ) und ihre Bedeutung setzt sich nach einer Reanalyse sehr unterschiedlich zusammen. Ursprünglich temporale Elemente können beispielsweise modale Bedeutungskomponenten gewinnen und i.A. ist auch der umgekehrte Fall denkbar und belegt. Interessanterweise scheint jedoch eine Untermenge der potentiellen Entwicklungen auf der Grundlage des derzeitigen Wissensstandes unidirektional zu verlaufen; manche andere Entwicklungen scheinen dagegen niemals einzutreten.
Das Hauptziel des Projektes wird es sein, relevante semantische Entwicklungspfade im Spannungsfeld der beiden Grundkategorien Intensionalität und Graduierung mit den Mitteln der formalen Semantik und ihren Schnittstellen (primär in Interaktion mit der Syntax und der Pragmatik, d.h. den Bausteinen der Sprache und ihrer Verwendung) präzise zu modellieren.

  • Remus Gergel, Penka Stateva und Martin Kopf
Die Radikalisierung des Antisemitismus in Österreich von 1914 bis 1923 im Kontext der europäischen Nachkriegsordnung
Gerald LAMPRECHT

Das Projektvorhaben widmet sich der Radikalisierung des Antisemitismus in den Jahren 1914 bis 1923. Im Zentrum stehen dabei Österreich, resp. jene Gebiete, die nach dem Zerfall der Monarchie zu Deutsch-Österreich/Österreich
wurden. Dabei wird der Antisemitismus auf mehreren Ebenen untersucht werden. Zunächst geht es uns darum, zu klären auf welchen Ebenen, mit welchen Bildern und durch welche Kanäle der Antisemitismus mit Fortdauer des Ersten Weltkrieges auch in Österreich zum Bestandteil des politischen und gesellschaftlichen Diskurses wurde und welche Rolle er schließlich in den revolutionären Prozessen 1918/19 einnahm. Weiters werden wir uns mit den Trägerschichten und -milieus beschäftigen und in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem Zusammenspiel von Zentrum und Peripherie (Wien und die Bundesländer) stellen. Schließlich geht es in Anlehnung an Shulamit Volkov auch um die identitätspolitischen Implikationen des Antisemitismus in jener Umbruchsphase der  österreichischen Geschichte.

Das Projekt wird gemeinsam vom Institut für Geschichte und dem Centrum für Jüdische Studien in enger Kooperation mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin entwickelt und durchgeführt.

  • Gerald Lamprecht und Eduard Staudinger
Digitale Edition als Grundkonzept einer Geisteswissenschaftlichen Methodologie.
Eine domänenübergreifende Theorie editorischer Praxis
Hubert STIGLER
Das Projekt widmet sich dem Vorhaben, den Begriff der Digitalen Edition, basierend auf einer empirischen Analyse der editorischen Praxis ausgewählter Fachbereiche, als konstitutives, generisches Konzept geisteswissenschaftlicher Methodologie theoretisch zu fassen. Ausgehend von  (a) einer summativen Evaluation von nationalen und internationalen digitalen Editionsprojekten, (b) einer Systematisierung der Erfahrungen aus einer Vielzahl von einschlägigen Forschungsprojekten des Zentrums für Informationsmodellierung in den Geisteswissenschaften und (c) der empirischen  Analyse domänenspezifischer Verständnisweisen von Edition, soll dabei eine theoretische Basis für die Entwicklung von standardisierten Editionswerkzeugen geschaffen und Prototypen für seine Realisierung entwickelt werden. Über eine qualitative Erhebung und ein quasi-experimentelles Setting, in dem ausgewählte Editionsprojekte und -werkzeuge als Treatment zur Anwendung kommen, soll auch ein Beitrag zur Beantwortung der Fragen geleistet werden, (a) wie und ob sich geisteswissenschaftliche Forschung durch die Digitalisierung der Forschungsobjekte und -methoden verändert und (b) welche Bedeutung diese Entwicklungen für die Theoriebildung der jeweiligen Disziplin besitzen.

 

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2012 wurde an 10 Forschungsvorhaben vergeben:

  • BIEBER, Florian: Staatliche Legitimität und Kohäsion in Südosteuropa
  • GOLTSCHNIGG, Dietmar: Wolfgang von Weisl und seine Familiengeschichte. Vom Untergang des Habsburgerreiches zur Gründung des Staates Israel
  • HERMANIK, Klaus-Jürgen: The Jewish Community of Yugoslavia
  • MEYER, Lukas; STUART, Amelie; REITINER, Claudia und STELZER, Harald: Climate Justice and the Imposition of Risks of Rights Violations
  • PFANDL, Heinrich; TROPPER, Eva und WONISCH, Arno: Zur sprachlichen und visuellen Verhandlung von Identität auf Postkarten der slowenisch-deutschsprachigen Steiermark 1885–1918
  • PFANDL-BUCHEGGER, Ingrid; LANDSIEDLER, Isabel und INSAM, Milena: Fremdsprachenunterricht mit audio-vokalem Training (FauvoT)
  • PROMITZER, Christian: Zwischen Pest und Cholera: Die Abwehr von Seuchen und die Anfänge des öffentlichen Gesundheitswesens im südöstlichen Europa (1828-1912)
  • RINOFNER-KREIDL, Sonja: (I Can’t Live) With or Without You. A Phenomenological Defense of Intuitions
  • SCHERRER, Peter; TAUSEND, Klaus; LEHNER, Manfred; TAUSEND, Sabine: Archäologie und Geschichte von Pheneos. Urbanistische und historische Entwicklung einer arkadischen Polis
  • ZIEGLER, Arne: Jugendsprache(n) in Österreich
Staatliche Legitimität und Kohäsion in Südosteuropa
Florian BIEBER
Das Projekt sieht die Ausarbeitung eines Antrages für ein FWF Doktoratskolleg vor. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Staat und Nation in Südosteuropa hat in der jüngere Forschung oftmals die Rolle der Eliten überwogen, ohne jedoch die Rolle des historischen Erbes oder auch gesellschaftliche Reaktionen und die Wechselbeziehung zwischen Eliten und Gesellschaft ausreichend zu berücksichtigen. Zudem haben in der Südosteuropaforschung oftmals die Auseinandersetzung mit der Schaffung von Nationalstaaten und von nationaler Identität einerseits und der Transfer oder die Ablehnung westlicher Modelle anderseits dominiert. Diesen Fragenstellungen liegt die Annahme zugrunde, dass Südosteuropa einen Sonderweg bzw. eine verspäteten Modernisierungsprozess im Verhältnis zum restlichen Europa durchlaufen hat.
Dieses Projekt beabsichtigt über diese Perspekitve hinaus zu gehen, und innovative Zugänge zu Legitimitätsmechanismen staatlicher Herrschaft und gesellschaftlicher Reaktion zu fördern. In Folge ist die Schaffung nationaler Identitäten und Staatlichkeit nicht entweder ein von Elite aufoktroyierter Prozess oder eine quasi-natürliche Entwicklung seitens der Gesellschaft, sondern wird durch die Wechselwirkung zwischen Staat und Gesellschaft ausverhandelt.
Die inhaltliche Ausrichtung des DK soll insbesondere die unterschiedlichen disziplinären Schwerpunkte der Südosteuropaforschung an der Universität Graz nützen, so dass der Dialog zwischen Kultur-, Geschichts-, Politik-, und Rechtswissenschaften, sowie Theologie gefördert wird.
Wolfgang von Weisl und seine Familiengeschichte. Vom Untergang des Habsburgerreiches zur Gründung des Staates Israel
Dietmar GOLTSCHNIGG
Der 1896 in Wien als Sohn einer angesehenen jüdischen Juristenfamilie geborene, 1974 in Jerusalem verstorbene Wolfgang von Weisl war als zionistisch-revisionistischer Politiker und Artilleriekommandant, aber auch als Journalist und Publizist, Schriftsteller (Erzähler, Dramatiker, Sachbuchautor) und Arzt maßgeblich an der Gründung und dem Aufbau des Staates Israel beteiligt. Angesichts der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland und der Errichtung des austrofaschistischen Ständestaats verfasste Weisls Mutter 1934 eine Familienchronik, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Einer der ältesten Ahnherrn der Familie, Joachim Popper, wurde 1669 als angeblich erster Jude im Habsburgerreich von Kaiser Leopold I. nobilitiert. Besondere Beachtung gilt auch Wolfgang von Weisls Schwester Marianne (verh. Beth, 1890-1984), die als erste in Österreich promovierte Juristin eine führende Rolle in der österreichischen Frauenbewegung spielte, bevor sie 1938 mit ihrer Mutter in die USA emigrierte. Das Projekt, an dem Charlotte Grollegg-Edler, Patrizia Gruber und Victoria Kumar mitarbeiten, ist insbesondere auf folgende Ziele ausgerichtet:
  • Editionen der Weislschen Familienchronik und einer Auswahl der vor allem in der „Neuen Freien Presse“ und der „Vossischen Zeitung“ publizierten Artikel Wolfgang von Weisls
  • Monographien Wolfgang und Marianne von Weisls
The Jewish Community of Yugoslavia
Klaus-Jürgen HERMANIK
Dieses Projektvorhaben ist grundsätzlich interdisziplinär ausgerichtet und es verbindet zum ersten Mal die an der KFUG bereits bestehenden Forschungsausrichtungen der jüdischen Kultur und Geschichte mit Forschungsfeldern Südosteuropas. Die thematische Fokussierung erfolgt auf die jüdische Gemeinde in Jugoslawien, wobei sich der zeitliche Rahmen auf die Ära des sozialistischen Jugoslawien (1945-1989/90) sowie die der Transition/des Zerfalls von Jugoslawien (1990-1995) erstreckt.
Dieses Thema ist in der Fachliteratur bei weitem nicht abgedeckt und eine historisch-anthropologische Zugangsweise, die die Erinnerungskulturen und die Einblicke in die (vergangene) Alltagskultur sowie in das jüdisch-religiöse Leben in Jugoslawien vor allem auf Basis von Interviews mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens wissenschaftlich erforscht, fehlt im Grunde. Im Rahmen der Fragestellungen der jüdischen Identitätsbildung und Identitätskonstruktion ist im Hinblick auf Jugoslawien noch im Besonderen auf die innerjüdischen boundaries zwischen den aschkenasischen und den sephardischen Gemeinden zu achten. Aus den Forschungsdaten, die in den einzelnen Mikrostudien erhobenen werden, sollen zudem die Auswirkungen der jugoslawischen Nationsbildungsprozesse auf die jüdischen Gemeinden in den einzelnen Teilrepubliken in besonderem Maße fest gemacht werden, da diese die Konstruktion eines Jugoslawismus erhellen. Nicht zuletzt werden im Forschungsprojekt auch Fragen der jüdischen Migration (Mobilität) erörtert, da dieses Thema die gesamte Forschungsperiode durchzieht.
Climate Justice and the Imposition of Risks of Rights Violations
Lukas MEYER, Amelie STUART, Claudia REITINER, Harald STELZER
Climate change implies the risk of violating basic rights of future people – their rights to survival, health, sufficiency and autonomy. If currently living people can prevent such dangerous climate change from occurring or can minimize the dangerous consequences, climate change is an issue of intergenerational justice. The determination of what currently living people owe future people is complicated by our limited knowledge of the long-term consequences of our actions: by their actions currently living people cannot be said to harm future generations directly, they rather impose a risk of harm on them. The project assumes that we can interpret the problem of the imposition of risks of rights violations from the perspective of intergenerational distributive justice by applying a risk-averse approach to policy on the basis of a rights-based sufficientarianism. The project will integrate two different levels: First, in working out a plausible interpretation of the evaluation of the imposition of risks of rights violations from the perspective of (intergenerational) sufficientarianism we will develop a general normative framework for evaluating different situations of risk. Second, we will investigate what this account implies for different highly important policy dimensions of responding to climate change.
Zur sprachlichen und visuellen Verhandlung von Identität auf Postkarten der slowenisch-deutschsprachigen Steiermark 1885–1918
Heinrich PFANDL, Eva TROPPER, Arno WONISCH
Das vorgestellte Projekt basiert auf einem linguistischen/kulturologischen sowie historischen/bildsemiotischen Zugang zur (ethno)linguistischen Situation des zweisprachigen Teils der Steiermark in den letzten drei Jahrzehnten der Österreich-Ungarischen Monarchie. Als Quelle dienen sowohl topographische, wie auch motivische Postkarten aus dieser Zeit aus dem zweisprachigen Teil des Kronlands Steiermark, wobei als Vergleichsobjekte auch Postkarten (vor allem Ansichtskarten topographischer Natur) aus anderen slowenisch-deutschen Teilen der Donaumonarchie herangezogen werden. Beim Genre der Postkarte handelt sich um ein multimediales, damals neu entstandenes, in Bild und Wort verhaftetes Kommunikationsmittel.
Die Umsetzung der Ergebnisse der Forschungsarbeit und die Dissemination von deren Erkenntnissen ist in interdisziplinär angelegten Lehrveranstaltungen, Diplomarbeiten und/oder Dissertationen, einer Ausstellung, einem Workshop, einer abschließenden internationalen Tagung sowie in zahlreichen Vorträgen und Publikationen, sowie der Erstellung einer im Internet allgemein zugänglichen Datenbank der Vorder- und Rückseiten der gesammelten Karten geplant. Dies dient auch einem der vorrangigen Ziele des Projekts – den heutigen Generationen der Steiermark die sprachliche und kulturelle Vielfalt ihrer Heimat bis 1918 bewusst zu machen.
Fremdsprachenunterricht mit audio-vokalem Training (FauvoT)
Ingrid PFANDL-BUCHEGGER, Isabel LANDSIEDLER, Milena INSAM
FauvoT (Fremdsprachenunterricht mit audio-vokalem Training) ist ein interdisziplinäres Kooperationsprojekt in den Bereichen Fremdsprachenunterricht und Spracherwerbsforschung, an dem die Karl-Franzens Universität Graz, die Technische und die Medizinische Universität Graz sowie die  Landesnervenklinik Sigmund Freud beteiligt sind. Langfristiges Ziel des Projektes ist es, ausgehend von einem ‚audio-vokalen‘ Training, eine innovative Methode für das Fremdsprachenlernen sprachwissenschaftlich zu erforschen, zu testen und für den Sprachunterricht zu optimieren. Im Gegensatz zu traditionellen Methoden wird im audio-vokalen Training dem Hören besondere Bedeutung beigemessen. Durch ein konzentriertes Hörtraining mit elektronisch modifiziertem Audiomaterial wird speziell für erwachsene Lernende der Zugang zur fremdartigen Klangwelt der zu erlernenden Zielsprache(n) erleichtert und so der Lernerfolg beschleunigt und verbessert.
Im Bereich der Ausspracheoptimierung im Fremdsprachenerwerb wurden bereits erste Schritte in diese Richtung getätigt. Es bedarf jedoch der Durchführung weiterer laufender Studien im Fremdsprachenunterricht, um den Erfolg der Methode langfristig zu untersuchen und ihre wissenschaftliche Wertigkeit zu überprüfen. Aus diesem Grund wird ein Drittmittelprojekt angestrebt, welches die interdisziplinäre Ausweitung der bisher erfolgten Untersuchungen ermöglichen soll. Im Rahmen eines solchen Drittmittelprojekts soll sowohl eine interdisziplinäre Erforschung der wissenschaftlichen Grundlagen der audio-vokalen Methode als auch eine ausgedehnte Datensammlung und -überprüfung erfolgen, um bisherige und zukünftige Ergebnisse vor dem Hintergrund adäquat großer Probandengruppen evaluieren zu können.
Zwischen Pest und Cholera: Die Abwehr von Seuchen und die Anfänge des öffentlichen Gesundheitswesens im südöstlichen Europa (1828-1912)
Christian PROMITZER
Zu den negativen Zuschreibungen, die die prekäre Stellung des südöstlichen Europas gegenüber den Kernregionen des Kontinents ideologisch fixieren, gehören auch Bilder vom „schmutzigen“ Balkan. Eines der wichtigsten Ziele des Forschungsvorhabens ist es, diese Bilder zu relativieren und zu zeigen, dass die frühestens in den 1830er Jahren einsetzende Errichtung von Strukturen öffentlicher Gesundheit im Osmanischen Reich und seinen Nachfolgestaaten Prozesse nachholender Modernisierung sind, die auch als Versuche einer sozialen Disziplinierung weitgehend agrarisch geprägter Gesellschaften zu betrachten sind.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen die Abwehr von Pest und Cholera durch Quarantänen und sanitäre Reformen, die Bekämpfung der Pocken mit Hilfe von Massenimpfungen und schließlich die Bekämpfung der Malaria durch Assanierung von Feuchtgebieten und staatliche Massenverabreichung von Chinin. Dabei sind die geoepidemiologische Einschätzung der Balkanstaaten durch die Habsburger Monarchie und die Tradition der Pestfront an der Militärgrenze besonders ins Auge zu fassen. Die Resultate des Projekts sollen in einem Überblicksband und ausführlichen Einzelstudien über die Entwicklungen des Gesundheitswesens in ausgewählten Ländern und Provinzen Südosteuropas (u.a. Bosnien-Herzegowina, Serbien, Bulgarien, Rumänien) erarbeitet werden.
(I Can’t Live) With or Without You. A Phenomenological Defense of Intuitions
Sonja RINOFNER-KREIDL
Many 20th century-philosophers were deeply suspicious of intuitions because relying on intuitive seemings was meant to jeopardize the critical attitude of rational analysis. Meanwhile, it has, however, become clear that the topic of intuitions forcefully turns up again, especially in epistemology, philosophy of science and ethics. For instance, this is obvious with regard to thought-experiments and fictitious cases that play a significant role with a view to current rivalries of armchair-philosophers and experimental philosophers.
By interfering in these debates, this research project aims at elaborating a new defense of intuitions within a phenomenological framework. Thereby, the crucial issue at stake is whether a phenomenologically-based intuitionism is able to offer a moderate, context-sensitive, and viable foundationalism.
Archäologie und Geschichte von Pheneos. Urbanistische und historische Entwicklung einer arkadischen Polis
Peter SCHERRER, Klaus TAUSEND, Manfred LEHNER, Sabine TAUSEND
Im Nordosten der antiken Landschaft Arkadien liegt zwischen 2400 Meter hohen Gebirgszügen das Becken von Pheneos mit seinem gleichnamigen Hauptort. Seit 2011 finden in Pheneos erstmalig systematische Ausgrabungen unter der gemeinsamen Leitung von P. Scherrer (Universität Graz) und K. Kissas (Ephorie Korinth) statt, die zunächst der Feststellung der Befestigungsanlagen und des daran anschließenden Areals dienen und für fünf Jahre geplant sind. Zusätzlich zu den laufenden Ausgrabungen sollen im Rahmen eines Forschungsprojektes folgende Fragestellungen behandelt werden:
  • Die Siedlungsentwicklung von Pheneos von prähistorischer bis in byzantinische Zeit als Paradigma für die Entwicklung griechischer Städte in Hochgebirgslandschaften.
  • Die Siedlungsausdehnung der antiken Polis und die Urbanistik der Stadt Pheneos, einschließlich der Identifikation der in den antiken Reiseberichten genannten Wege, öffentlichen Gebäude und Kultstätten.
  • Landschaftsarchäologie, Verkehrslage und Straßennetz im gesamten Becken.
  • Wirtschaftliche Grundlagen, Subsistenz und Handelsbeziehungen; Münzprägung.
  • Die politische Rolle von Pheneos in der griechischen Geschichte; die Beziehungen zu den benachbarten Poleis; die militärische und strategische Rolle des Verteidigungssystems.
  • Verteilung und Entwicklung der übrigen Siedlungen des Beckens.
  • Der Beitrag von Pheneos in der Kunst speziell des arkadischen Raumes.
  • Die Kulte im Becken von Pheneos und ihr Bezug zur restlichen griechischen Welt.
Jugendsprache(n) in Österreich
Arne Ziegler
Teil 1: Zur Interaktion von Dialekt und alterspräferentiellem Sprachgebrauch jugendlicher Sprecher im urbanen Raum
Teil 2: Zur Interaktion von Dialekt und alterspräferentiellem Sprachgebrauch jugendlicher Sprecher im ruralen Raum

Im deutschsprachigen Raum steht der regen Auseinandersetzung mit dem Sprachgebrauch Jugendlicher in der bundes- und schweizerdeutschen Germanistik  eine in Österreich de facto nicht existente Jugendsprachforschung gegenüber. Die Erforschung alterspräferentieller Varianten hinsichtlich des Zusammenspiels verschiedener Sprechstile, Varietäten und (Fremd-)Sprachen stellt in Österreich ein dringendes Desideratum dar.
Das geplante Projekt untersucht Jugendsprache(n) in Österreich aus varietätenlinguistischer und pragmatischer Perspektive und liefert Analysen grammatischer sowie prosodischer Phänomene in mündlichen Äußerungen Jugendlicher Österreichs. Jugendlicher Sprachgebrauch wird als Teil des Spektrums muttersprachlicher bzw. lokalsprachlicher Kompetenz aufgefasst. Da Jugendsprachen in Österreich stark dialektal beeinflusst sind, bezieht das Projekt eine dialektologische Perspektive mit ein, berücksichtigt aber auch – besonders im Bereich urbaner Ballungszentren – Phänomene des Sprachkontakts mit Migrationssprachen.
Drei zentrale Ziele werden dabei verfolgt: Erstens sollen erstmalig in diatopischer Gewichtung Freizeitgespräche unter Jugendlichen sowie als Vergleich Gespräche unter Erwachsenen in Österreich als Korpus dokumentiert und nach Abschluss des Projekts der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zweitens wird als linguistisches Ziel die Erfassung und Beschreibung alterspräferentieller Varianten mit besonderem Fokus auf dem Zusammenhang von Jugendsprache und Dialekt verfolgt. Drittens hat das Projekt ein didaktisches Ziel: Die Projektergebnisse sollen methodisch-didaktisch aufbereitet und in Auszügen als Materialien für den muttersprachlichen Deutschunterricht, aber auch für den DaZ- und DaF-Unterricht, angeboten werden.

 

Kontakt

Geisteswissenschaftliche Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz
Universitätsplatz 3, Parterre, 8010 Graz
Dekan Univ.-Prof. Dr.phil. Michael Walter Telefon:+43 (0)316 380 - 8018
Fax:+43 (0)316 380 - 9700

Web:gewi.uni-graz.at

Forschungs-management und -service

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