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Ausgewählte Projekte 2020

Die Anschubfinanzierung für das Jahr 2020 wurde an drei Forschungsvorhaben vergeben: 

Der Produktionszyklus der ostalpinen Marmore zur Römerzeit
KARL, Stephan

Die Marmorressourcen im Südostalpenraum sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Entstehung und Entwicklung einer lokalen Bildhauerkunst in Noricum. Ein reiches archäologisches Erbe von Steindenkmälern zeugt von der Wertschätzung dieser Marmore gleich zu Beginn der römischen Eingliederung des Regnum Noricum. Die ostalpinen Marmorvorkommen wurden in verschiedenen Steinbrüchen in Kärnten, der Steiermark und Slowenien abgebaut, einige davon mit gut erhaltenen Spuren der Abbautechnik und Infrastruktur. In den letzten zwei Jahrzehnten haben geowissenschaftliche Methoden zur Bestimmung der Marmorherkunft von Steinobjekten das Studium des provinzialrömischen Kunstschaffens gefördert und ein Forschungsfeld eröffnet, das sich speziell mit dem Produktionszyklus der ostalpinen Marmore befassen kann. Dieser Zyklus beginnt mit dem Abbau des Marmors und endet mit dem fertigen Produkt am jeweiligen Standort, einschließlich aller Zwischenschritte wie dem Steintransport oder der Steinmetzarbeit in Steinbruchrevieren oder in Werkstätten.
Die aktuellen Untersuchungen im Marmorsteinbruchrevier Spitzelofen werfen ein wertvolles Licht auf den Beginn dieses Produktionszyklus, eröffnen jedoch viele Fragen in Bezug auf die Organisation der Versorgung mit ostalpinen Marmoren im Allgemeinen. Es zeigt sich, dass neben den bisher durchgeführten geowissenschaftlichen Marmoranalysen die endgültige Identifizierung der Steinbruchreviere oder Steinbrüche und ihrer Produkte schlussendlich von archäologischen Untersuchungen abhängt, die in enger Zusammenarbeit mit Geologen durchgeführt werden.
Ziel des interdisziplinären Projekts, das als Einzelprojekt beim FWF eingereicht wird, ist es, die lokale und regionale Verwendung der ostalpinen Marmore für ein besseres Verständnis des Produktionszyklus zu untersuchen. Anhand von ausgewählten Mikroregionen und römischen Städten im südlichen Noricum werden Fragen zum Ausmaß und Umfang der Steinbruchzonen, zu den Transportwegen, zu den Werkstätten und zu den formalen Merkmalen der Produkte gestellt.

Österreich besetzt – translatorische Perspektiven
KUJAMÄKI, Pekka
Gegenstand des Projekts ist die Mehrsprachigkeit Österreichs in der Zeit der Besatzung (1945–1955) und vor allem die im Rahmen der Alliierten Kontrolle entstandenen translatorischen Räume mit ihren translationspolitischen Dimensionen. Darüber hinaus setzt sich das Projekt zum Ziel, auf die Handlung und den Lebenslauf von Personen einzugehen, die in den translatorischen Räumen der einzelnen Sektoren eine kommunikative Brücke verkörpert, gleichzeitig aber den Raum durch ihr Handeln auch geprägt haben.
Als übergeordnetes Ziel widmet sich das Projekt der Verortung, Beschreibung und Analyse der im Rahmen der österreichischen Besatzungszeit entstandenen translatorischen Räume. Darunter sind Räume der Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte zu verstehen, deren sprachlich-kulturelles Fremdheitspotential die Kommunikation zwischen den einzelnen Parteien (z.B. „Besatzungsmacht“ und „Besetzten“) herausforderte und in denen folglich eine Abhängigkeit von vermittelnden Personen (prototypisch „Dolmetscher/innen“ oder „Übersetzer/innen) anzunehmen ist. Die Grundannahme ist, dass durch die Analyse ihrer kommunikativen und translationspolitischen Dimensionen das Projekt das Potenzial aufweist, eine zusätzliche Perspektive in die soziale und kulturelle Dynamik der historischen Periode zu eröffnen.
Grundlage für die Beschreibung von translatorischen Räumen in den einzelnen Sektoren bietet der dreidimensional aufgefasste Begriff der Translationspolitik, mit dem die konkrete translatorische Praxis mit ihren etablierten oder ad-hoc-Ausprägungen sowie Formen des Managements, d.h. die durch Militär- oder Zivilverwaltung bestimmten Anweisungen und personellen Ressourcen erfasst werden sollen. Darüber hinaus wird, insofern aus den Archivquellen ersichtlich, auch den Auffassungen über die Notwendigkeit und den Stellenwert des Übersetzens und Dolmetschens mit ihren diskursiven Unterschieden in den vier Besatzungssektoren nachgegangen.
Die Makroanalyse der Translationspolitik wird mit mikroanalytischen Fallstudien verbunden, mit denen einzelne, translatorisch repräsentative Hot Spots der Besatzungszeit einer dichten Beschreibung unterzogen werden sollen. Aufmerksamkeit soll dabei auf die Handlungsbereitschaft und -fähigkeit (Agency) einzelner Akteur/innen sowie auf ihren Lebensweg vor und nach der Besatzungszeit gerichtet werden. Ein besonderer Wert kommt dabei den schriftlichen und mündlichen Erinnerungen (Biographien, Oralhistorie) zu, weil sie das Potential haben, persönliche (ideologisch, ökonomisch oder affektiv geprägte) Motivationen aufzuzeigen. Es entsteht eine Perspektivenvielfalt, die die Motivationen des Projekts widerspiegelt: Von Interesse sind die strukturellen Merkmale der translatorischen Räume sowie die Handlungen der Akteur/innen in diesen, wobei jeweils auch zwischen formellen bzw. offiziellen Ebene (z.B. Kooperation zwischen den einzelnen Besatzungskräften; Kommunikation zwischen Kontrollbehörden und der Ziviladministration) und der informellen Ebene (z.B. Begegnungen der Soldaten mit Zivilist/innen jenseits militärischen und offiziellen Strukturen) zu unterscheiden ist.
Wert(ungs)erfahrung im Wandel der Zeiten: Ein phänomenologisch begründeter Wertrealismus
RINOFNER, Sonja

Das geplante Forschungsprojekt umfasst einen grundlagentheoretischen und einen anwendungsbezogenen Teil. Mit Bezug auf die Grundlagentheorie setzt es auf zwei Ebenen an. Zum einen wird im Rahmen von Edmund Husserls phänomenologischer Intentionalitätstheorie die inhärente rationale Struktur von Wertungserfahrungen (axiologischen Erfahrungen) untersucht. Dies geschieht mit der Zielsetzung, die in verschiedenen Gegenstandsbereichen (z. B. Ethik, Ästhetik, Erkenntnistheorie) vorliegenden Wert(ungs)aspekte gemäß einer moderat-kognitivistischen Theorie der Werterfassungserlebnisse („Wertnehmungen“) auf Basis einer Analogisierung von sinnlicher Wahrnehmung und Wertnehmung darzustellen und ihre Funktionalität im Rahmen einer einheitlichen Systematik zu erklären. Zum anderen wird auf aktuelle metaethische Debatten Bezug genommen und nach typischen Formen eines axiologischen Realismus bzw. Anti-Realismus und den zugehörigen Argumenten und Begründungen gefragt. In Abgrenzung von herkömmlichen Realismus-Positionen wird ein neuer, phänomenologisch begründeter axiologischer Realismus konzipiert. Dessen Verteidigung unterminiert die Dialektik üblicher Gegnerschaften (z. B. Werteplatonismus vs. Expressivismus, Illusionstheorie u. dgl.). Weder ein ontologisch fundierter starker Objektivismus noch ein starker Subjektivismus kann auf phänomenologischer Basis gerechtfertigt werden. Der phänomenologisch begründete axiologische Realismus stellt demgegenüber eine moderate Position dar, welche einerseits eine adäquate Analyse unseres alltäglichen Wertungsverhaltens ermöglicht und andererseits die philosophischen Ansprüche einer Einbettung der Wertungsanalyse in eine umfassende phänomenologische Theorie der Vernunft erfüllt, welche intentionale Gefühle (als Träger von Wertnehmungen) inkludiert.
Wertnehmungen unterliegen Veränderungen, die aus veränderten Lebensumwelten resultieren. Der anwendungsbezogene Teil des Forschungsprojektes befasst sich mit der Kontextsensitivität von Wertrealisierungen und dem Perspektivismus von Werterfassungen, welcher nicht mit einem umfassenden Werterelativismus gleichzusetzen ist. Die zugehörigen Forschungsfragen gehen von der Annahme aus, dass Kontextsensitivität und axiologischer Perspektivismus näher untersucht werden können, indem nach dem Zusammenspiel dreier Faktoren gefragt wird: Imagination („Vorstellungskraft“), Emotion und Technologie. Mit Blick auf faktische Veränderungen und Veränderungspotentiale ist insbesondere letztere ein gewichtiger Faktor. Technologien verändern nicht nur den Umgang mit der gegebenen Wirklichkeit, sondern auch das Wirklichkeitsverständnis derer, welche diese Technologien erfinden, gestalten und anwenden. Was tragen neue, technologisch basierte (modellierte, assistierte usw.) Wert(ungs)erfahrungen zur Bestätigung, Qualifizierung und Entgrenzung bisheriger Auffassungen von Wirklichkeit bei? Wie ändern sich umgekehrt in einer hochgradig technologisch gestalteten Umwelt Qualität, Reichweite und Geltungsanspruch axiologischer Erfahrungen?

 

Kontakt

Geisteswissenschaftliche Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz
Universitätsplatz 3, Parterre, 8010 Graz
Dekan Univ.-Prof. Dr.phil. Michael Walter Telefon:+43 (0)316 380 - 8018
Fax:+43 (0)316 380 - 9700

Web:gewi.uni-graz.at

Forschungs-management und -service

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