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Ausgewählte Projekte 2019

Die Entwicklung der Grenzregion zwischen der heutigen Steiermark und Ungarn von 907 bis 1526
HORVÀTH, Levente

Die heutige Steiermark, insbesondere die Oststeiermark, stellte in der mittelalterlichen Epoche seit der ungarischen Landnahme (seit 894 fassbar) eine Grenzregion zum ungarischen Fürstentum und späterem Königreich dar. Die politische Grenze war während der mittelalterlichen Epoche dynamisch, als Eckdaten für eine Untersuchung bieten sich zwei große Zäsuren an: Die Schlacht bei Pressburg im Jahr 907, die zu Gebietsverlusten des Ostfränkischen Reiches führte und die Schlacht bei Mohács, nach der das Königreich Ungarn nominell an die Habsburger fiel, zum Großteil aber vom osmanischen Reich kontrolliert wurde.
Es ist grundsätzlich zu erwarten, dass diese Grenzsituation an der materiellen Kultur und an der mittelalterlichen Siedlungslandschaft der (Ost-)Steiermark ihre Spuren hinterlassen hat. Insbesondere zur Entwicklung der Siedlungslandschaft hat die historische Forschung einigermaßen detaillierte Thesen vorgelegt, die sich hauptsächlich auf die Urkundensituation und Überlegungen der Ortsnamensforschung stützen. Lücken in der schriftlich fassbaren Siedlungslandschaft sowie die scheinbar plötzliche Aufsiedlung mancher Regionen wurden vor allem mit Kausalitäten aus der Ereignisgeschichte erklärt. Diese von der historischen Forschung des 20. Jahrhunderts erarbeiteten Thesen wurden in den vergangen Jahrzehnten im Wesentlichen wiederholt rezipiert, allerdings wurde die Problematik der mittelalterlichen Siedlungslandschaft im Lichte dieser Grenzsituation bislang kaum mit archäologischen Forschungsansätzen untersucht. Damit ist das Quellenpotential dieser Forschungsthematik noch bei weitem nicht ausgereizt.
Das geplante Projekt soll somit die Frage beleuchten, wie sich der wie sich der Grenzraum zwischen der heutigen Steiermark und Ungarn im Mittelaltalter entwickelt hat. Die geplante Untersuchung ist in erster Linie als ein Siedlungs- und Landschaftsarchäologisches Projekt angelegt. Neue Ansätze sollen über die Einbindung von archäologischen Daten sowie durch archäologisch-topographische Überlegungen erlangt werden. Für die Akquirierung zusätzlicher Daten sollen sowohl Methoden der archäologischen Fernerkundung (u. a. Auswertung von ALS-Daten) zum Einsatz kommen, als auch punktuelle Feldbegehungen durchgeführt werden. Bereits vorhandene und neu erarbeitete Daten sollen in eine Geoinformationssystem-kompatible Datenbank eingespeist und mit entsprechender GIS-Software weiter ausgewertet werden. Diese Arbeitsschritte sowie eine kritische Reflexion althergebrachter Thesen sollen das Bild der mittelalterlichen Grenzsituation in der heutigen Steiermark ergänzen beziehungsweise eine Neubetrachtung ermöglichen.

Pagane Höhenheiligtümer der späten römischen Kaiserzeit am Südostalpenrand
LEHNER, Manfred

Ausgangspunkt der Projektidee ist das seit 2015 von der Universität Graz archäologisch erforschte römisch-spätantike Heiligtum am Schöckl-Ostgipfel (1423 m. ü. M.). Der Habitus des Opferplatzes entspricht eindeutig einer römisch paganen Kultpraxis. Die Hauptfrage des Projektvorhabens ist, ob der Schöckl eine Ausnahmeerscheinung darstellt oder ob auf vielen der südostalpinen Inselberge mit altbekannten römischen Einzelfunden solche Heiligtümer zu erwarten sind. Ein guter Forschungsstand zur Thematik besteht bisher vor allem an Rhein und Donau und da vor allem im stadt- und zentrumsnahen Umfeld (v.a. Trier). Daran schließt sich die Frage, ob das Phänomen römischer Höhenheiligtümer „imperiumsweit“ zu beobachten ist oder ob pagane Höhenheiligtümer des 3. und 4. Jahrhunderts „provinzielle“ Regionalerscheinungen sind. Hochalpine Höhenheiligtümer (Schlern, Hochtor, Großer St. Bernhard) stehen häufig im Gefolge prähistorischer Brandopferplätze oder liegen bei Passstationen römischer Alpentransversalen. Bei ostalpinen Plätzen (Dachstein, Steiner Alpen, Koralpe) ist die Diskussion um die Interpretation zwischen Almwirtschaft und Höhenheiligtum im Gange. Erstmals kann nun anhand der Schöcklbefunde ein dezidiertes Höhenheiligtum der fortgeschrittenen Kaiserzeit im Südostalpenraum ausgewertet werden. Eine mikroregionale bzw. in einem weiteren Schritt makroregional angelegte Studie kann die traditionelle Denkart zu solchen Phänomenen in anderen Gegenden des Römischen Imperiums, wo sie oft als lokale Sondererscheinungen klassifiziert werden, aufschnüren helfen. Im Laufe des vorerst auf 2 Jahre ausgelegten Projekts können Fragen zur Vor- und Nachnutzung der Plätze, zur baulichen und infrastrukturellen Ausstattung, zur durchlaufenden oder saisonalen Nutzung, zur Einwirkung ortstypischer Naturerscheinungen auf den Kult, zum Verhältnis zum frühen Christentum, zum Hin und Her zwischen kultischer und militärischer Nutzung von Aussichtslagen, zum Einzugsbereich und zur Genderthematik der Weihenden, zum Verhältnis zu gleichzeitigen Siedlungszentren, nach Unterschieden zu stadtnah gelegenen Heiligtümern und auch zu den wirtschaftlichen Grundlagen gestellt werden. Es kommen neben den relevanten archäologischen Methoden (Prospektion, Stratigrafie, Vergleichsanalyse, Darstellung als GIS-Projekt etc.) auch die facheinschlägigen Methoden der heranzuziehenden NaWi-Disziplinen (Datierung, Archäozoologie, Paläobotanik, Materialanalyse, Geologie/Mineralogie) zum Einsatz. Attraktivster Punkt der Disseminationsstrategien ist eine außerhalb des Projekts finanzierte, aber während der Projektlaufzeit 2020 stattfindende Sonderausstellung zu den Schöcklfunden am Universalmuseum Joanneum. Eine Gesamtpublikation der Ergebnisse erfolgt nach Projektende getrennt von einer rein archäologischen Schöckl-Grabungspublikation.

Empirisch informierte Moralepistemologie

PAULO, Norbert

Die philosophische Ethik bezieht sich vielfach auf Intuitionen über die moralische Beurteilung von Einzelfällen, die man empirisch untersuchen kann. Ethiker_innen versuchen jedoch nicht bloß zu verstehen, warum wir diese oder jene Intuitionen haben; sie wollen herausfinden, welche Prinzipien diese Intuitionen erklären und systematisieren können. Welche Rolle empirische Forschung in diesem Rechtfertigungsprozess genau spielen kann, ist umstritten.
Die gegenwärtig einflussreichste Theorie moralischen Urteilens gründet in der Einsicht, dass die meisten moralischen Urteile nicht langsam, bewusst und kontrolliert-rational gefällt werden, sondern schnell, unbewusst und intuitiv. Werden für das Urteil ex post Gründe angeben, dann sind dies oftmals rationalisierende Rechtfertigungen dieser Urteile. Ganz in der Tradition der behavioral economics werden empirische Befunde bisher zumeist herangezogen, um zu demonstrieren, dass die Verlässlichkeit moralischer Intuitionen geringer und der unbewusste Einfluss der anderen Faktoren größer ist als von den Philosoph_innen selbst angenommen. So wird bspw. argumentiert, dass unbewusste und moralisch irrelevante Faktoren – etwa Ekelgefühle durch eine schmutzige Umgebung oder die räumliche Nähe bzw. Ferne zu einem Menschen in Not – viele moralische Intuitionen determinieren, ohne dass dies den Urteilenden selbst ersichtlich wäre. Diese moralischen Intuitionen können durch evolutionstheoretische Erklärungen unterminiert werden und verlieren somit ihre moralepistemische Glaubwürdigkeit.
Einige Philosoph_innen argumentieren aufgrund der genannten empirischen Befunde dafür, dass Moraltheorien gar nicht unter Bezugnahme auf moralische Intuitionen gerechtfertigt werden sollten. Dies ist eine ernsthafte Herausforderung für alle ethischen Methoden, die Intuitionen über Einzelfälle epistemische Bedeutung zuschreiben. Im Gegensatz zu solchen „restriktiven“ Positionen verfolgt mein Projekt ein konstruktives Ziel: Es wird versucht, die Einsichten der experimentellen Ethik, Moralpsychologie und Kognitionswissenschaften zu nutzen, um ein besseres, empirisch informiertes Verständnis der Konstruktion und Begründung von Moraltheorien zu entwickeln.
Dies geschieht in drei Schritten: Der erste Schritt besteht in einer umfassenden Sammlung der empirischen Erkenntnisse über Intuitionen über moralische Einzelfälle. Der zweite Schritt ist dann die Entwicklung eines „epistemischen Profils“ des Rawls’schen Überlegungsgleichgewichts, das auf den zuvor gesammelten Erkenntnissen beruht. Auf dieser Grundlage wird im dritten Schritt eine neue kasuistische Methodologie für die Ethik entwickelt, die ein besseres „epistemisches Profil“ aufweist.

Krieg und Ritual in den spätbronzezeitlichen Kulturen des östlichen Mittelmeerraumes
TAUSEND, Klaus

Die Zeit zwischen 1400 und 700 v. Chr. war in allen Gebieten des östlichen Mittelmeerraumes, in Griechenland, Kleinasien, Vorderasien und Ägypten, von vielen Umbrüchen und Veränderungen – meist kriegerischer Natur – geprägt. In einer Zeit, in der kultische und rituelle Praktiken noch einen ungleich höheren religiösen, gesellschaftlichen und sogar politischen Stellenwert hatten, ist zu erwarten, dass man in all diesen Gebieten auf solche Veränderungen kultisch und rituell reagiert hat. In erster Linie gilt dies für den durch Riten dominierten Bereich des Krieges. Es soll daher untersucht werden, ob in den einzelnen Kulturräumen eine veränderte Weltbeziehung feststellbar ist, ob solche allfälligen Änderungen mit den aufgezeigte Umbrüchen in Zusammenhang gebracht werden können, und schließlich, worin die Veränderungen in der religiösen Praxis bestanden. Viele von diesen Veränderungen ereigneten sich zeitgleich und sind auf gemeinsame oder zumindest verwandte Ursachen zurückzuführen. Es soll daher festgestellt werden, ob Umwälzungen, die durch ähnliche Vorgänge verursacht wurden, auch ähnliche Reaktionen auf dem Gebiet der religiösen Praxis hervorgerufen haben, und ob solche vergleichbaren rituellen Veränderungen unabhängig voneinander sich einstellten, oder aber aufgrund wechselseitiger Beeinflussungen. Es soll also der Frage nachgegangen werden, ob Ereignisse, welche zum Teil die gesamte Welt der Hochkulturen erschüttert und in der einen oder anderen Weise verändert haben, auch auf kultisch-rituellem Sektor vergleichbare Spuren hinterlassen haben.

Madgwas: Datenbank für äthiopische Einbanddekoration
WINSLOW, Sean Michael

Äthiopien beheimatet die einzige noch bestehende, ununterbrochene Tradition christlicher Handschriftenproduktion. In dem Land, das aufgrund geopolitischer und religiöser Faktoren fast 700 Jahre isoliert war, blieben viele Praktiken aus dem Mittelalter wie die Herstellung von Pergamentmanuskripten erhalten. Die daraus entstandenen Handschriften sind ein in der Forschung bisher kaum untersuchter Bestandteil der breiteren europäischen bzw. mediterranen Manuskripttradition. Ressourcen zur Datierung und Beschreibung äthiopischer Handschriften sind im Vergleich zu ihren europäischen Entsprechungen unzureichend vorhanden.
Ziel dieses beim FWF im Rahmen des Independent Researcher Programms zu beantragenden Projektes ist die Entwicklung einer Datenbank zur Identifizierung, Katalogisierung und Datierung von
äthiopischen Buchbindewerkzeugen und Einbanddekorationen. Die Madgwas-Datenbank, benannt nach dem äthiopischen Wort für einen Prägestempel, soll eine erweiterbare Ressource sein, die es durch den Einsatz semantischer Technologien ermöglicht, Relationen zwischen einer großen Anzahl von Werkzeu-gen und dekorativen Mustern sowie individuellen Manuskripten herzustellen und zu visualisieren. ForscherInnen soll es aber auch ermöglicht werden bestimmte Stile oder Techniken zu ermitteln, die eine zeitliche Einordnung der Manuskripte erlauben.
Das Projekt wird die zunehmende Bereitstellung von digitalen Faksimiles durch internationale Biblio-theken über die Schnittstellen des International Image Interoperability Framework (IIIF) nutzen, was neben dem Einsatz eines RDF Datenmodells und eines Triple Stores zur Datenhaltung die Verknüpfung mit domänenspezifischen Web Ontologien wie auch weiteren Projekten der Äthiopistik oder der Kodikologie ermöglicht.

Kontakt

Geisteswissenschaftliche Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz
Universitätsplatz 3, Parterre, 8010 Graz
Dekan Univ.-Prof. Dr.phil. Michael Walter Telefon:+43 (0)316 380 - 8018
Fax:+43 (0)316 380 - 9700

Web:gewi.uni-graz.at

Forschungs-management und -service

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